Persönliche Empfehlung Album

Reihum gibt eine/r der JurorInnen in dieser Rubrik ihre/seine persönliche Empfehlung für ein Album ab und begründet diese schriftlich.

DEZ 2019  Hans Reul, Eupen

Johannes Oellinger: Brieflieder

Als Gitarrist hat er sich schon seit langem einen Namen gemacht: Johannes Öllinger. Ob Johann Sebastian Bach oder Steve Reich, sein musikalisches Spektrum reicht von der Alten Musik bis zur Moderne, sei es als Solist oder in Kammermusikensembles. 

Aber Johannes Öllinger zupft nicht nur die Saiten, er befasst sich auch mit den geschriebenen Seiten berühmter Persönlichkeiten. Er durchforstete deren Briefe, hat sie teils zu kleinen Geschichten zusammen getragen und auf sparsame aber jeweils der Stimmung entsprechende Art vertont.

Sich selbst auf der Gitarre begleitend, stellt Öllinger Texte von Hanna Ahrendt, Rosa Luxemburg oder Sophie Scholl, Franz Kafka, Wilhelm Busch oder Paul Celan, Kurt Tucholsky und Wolfgang Koeppen aber auch John Keats und Oscar Wilde vor. Insgesamt entstanden 16 Brieflieder.

So erleben wir, wie aus dem zunächst sehr nüchternen Kontakt Kafkas zu seiner tschechischen Übersetzerin Milena Jesanská sich eine zarte Verliebtheit entwickelt und Milena sich in Milenka verwandelt. Zwischen Wilhelm Busch und der niederländischen Schriftstellerin Marie Anderson bleibt es bei einer rein platonischen Liebe, aber dafür wird in den Briefen viel philosophiert. Rosa Luxemburg schreibt aus dem Gefängnis an Karl Liebknechts  Ehefrau Sophie, trotz der Haft ein Mutmachlied: „Mit einem milden Lächeln“. Dem Titel des Kurt Tucholsky-Briefes entspricht die Stimmung: „Wetter: bedeckt. Ich auch“, mitfühlend aber ohne Larmoyanz in Musik gesetzt.

Um Privat-Persönliches geht es wiederum in den drei englischsprachigen Liedern nach Briefen von Oscar Wilde, John Keats und F. Scott Fitzgerald.

„Brieflieder“ ist ein leises Album, voller Nachdenklichkeit und uns zugleich daran erinnernd, wie schön es ist Briefe zu schreiben und nachzulesen.

Mehr Informationen:
www.johannesoellinger.com

NOV 2019 

Diverse Interpreten: Hier lebst du - Unsere liebsten Kinderlieder

Diverse Interpreten
Hier lebst du - Unsere liebsten Kinderlieder
sauerländer audio

„Hier lebst Du“ -
Sängerinnen und Sänger beschwören ihre „liebsten Kinderlieder“ aus DDR-Zeiten

Alles war ganz neu

Kaum etwas war damals wichtiger als die Kinder. Der neue deutsche Staat im Osten, auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt, konnte sich ja kaum verlassen auf das, was war; nach totalem Krieg und totaler Niederlage. So rückten ganz selbstverständlich die in den Mittelpunkt von Kultur und Politik, die das „Vorher“ nicht kannten, bestenfalls aus Erzählungen; falls die Eltern sprachen über das eigene Leben im Faschismus und nicht verlässliche Widerstandskämpfer gewesen waren. Nicht umsonst wäre fast die „Kinderhymne“ der Herren Eisler und Brecht zum nationalen Identifikationsgesang geworden – auch die war im Grunde eins jener Kinderlieder, derer sich jetzt, 30 Jahre nach dem Ende vom anderen deutschen Nachkriegsstaat, Künstlerinnen und Künstler von heute angenommen haben.

Und nichts an diesem Projekt ist „ostalgisch“. Selbst durch den heimatstiftenden Titelsong „Hier lebst Du“ klingt in der fragilen Interpretation von Katrin Sass eine Menge Trauer, Leid und Schmerz. Und die „Kleine weiße Friedenstaube“, verfasst vor 70 Jahren von der heute 93jährigen Nordhäuserin Erika Schirmer in Anlehnung an die Picasso-Zeichnung auf dem Vorhang im „Berliner Ensemble“, fliegt ganz ohne politisches Nebengeräusch.

Und was haben damals wir Wessies gesungen? Überwiegend sehr olle Kamellen, die Lieder unserer Eltern und Großeltern – und das macht den Unterschied. Neues, besseres Leben vielleicht, war gewollt vor 70 Jahren „drüben“ … und nichts wirklich Gutes ist draus geworden. Auch daran erinnert die CD.

Mit Katrin Sass, Uschi Brüning, Katharina Franck & Reinhardt Repkes „Club der toten Dichter“, Frank Schöbel, Angelika Mann, Karat; mit den Zöllnern und dem Keimzeit Akustik Quintett, Bayon, Dirk Michaelis, Bürger Lars Dietrich und der Stübaphilharmonie.

Mehr Informationen:


www.argon-verlag.de

OKT 2019 

Egotronic: Ihr seid doch auch nicht besser

Egotronic
Ihr seid doch auch nicht besser
Audiolith

„Wie wär’s denn mal mit randalieren? Statt Destruktion nach Innen Äußeres zerstören. Die eigene Zurichtung nicht kampflos akzeptieren. Mach aus der Depression &squot;ne Aggression und dann explodieren“ – Spätestens bei diesen Eröffnungszeilen des ersten Tracks „Wann fangen wir an“ wissen auch Hörer*innen, denen die Berliner Elektropunkband Egotronic bisher kein Begriff ist, wo die Reise hingeht. Wem im Laufe der letzten Jahre zwischen Odenwald und Oderbruch schonmal Texte der Gruppe um Leadsänger Torsun zu Ohren gekommen sind, dürfte nicht überrascht sein. Schließlich positionieren sich Egotronic seit jeher klar gegen jeglichen Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus (sowie dessen kleinen Bruder Patriotismus) – mitunter durchaus mit streitbaren Ansätzen.

Die 14 Lieder – inklusive dem Coversong „Nacht im Ghetto“ der Punkveteranen Razzia – setzen sich zu großen Teilen mit dem bestehenden politischen und gesellschaftlichen Status Quo auseinander, der hier aus linker Perspektive betrachtet wird.  Darunter fällt zum Beispiel der mediale Diskurs um die vermeintliche Gefahr von Links und die immer wieder gerne als Beispiel herangezogene Hufeisentheorie, was im Song „Linksradikale“ aufgegriffen wird. Darüber hinaus werden in weiteren Liedern aber auch Einzelpersonen wie der aktuelle Innen- und Heimatminister Horst Seehofer und der ehemalige Oberbürgermeister Osnabrücks, Boris Pistorius, kritisiert.

Die Platte ruft aber nicht nur zu politischem Aktionismus auf, auch persönliche Themen haben Raum auf „Ihr seid doch auch nicht besser“. So handelt der Song „Wie Dr. House“ beispielsweise von den zermürbenden, schmerzhaften und einsamen Momenten des Lebens mit einer chronischen Krankheit und „1 Like für euch“ bietet die heutzutage fast obligatorische Social-Media-Kritik. Auch dem erbarmungslosen Berliner Winter ist ein Lied gewidmet, während dem die Stadt gefühlt ein halbes Jahr in schneidender Kälte und Schneematsch feststeckt und von den Häusern über den Himmel bis zu den Menschen alles grau zu sein scheint – aus persönlicher Erfahrung kann ich bestätigen, dass „Winter in Berlin“ diese Stimmung akkurat einfängt.

Die größte Stärke des Albums sind allerdings die vielen Schnittstellen zwischen Politischem und Persönlichem, die in mehreren Liedern immer wieder durchscheinen. Herausragendes Beispiel hierfür ist „Quintessenz der Dinge“, das zunächst einer klassischen Null-Bock-Haltung Ausdruck verleiht mit Zeilen wie „Draußen ist kalt, kälter als drinnen/Gib mir ein Ziel, ich geh da nicht hin/Hab keinen Bock, will nichts mehr tun/Hab nicht mal Lust mich auszuruh‘n/Alles wird scheitern, aber vor allem ich/ Denn eure Ziele interessieren mich nicht/ Jeder kann, niemand wird/Niemand gewinnt, jeder verliert“. Im Laufe des Liedes geht die Apathie immer mehr in Zorn über, so dass deutlich wird, dass es so nicht weitergehen kann.

Musikalisch bewegt sich das Album mehr Richtung Rock als Rave, dennoch kommen genügend Synthesizer zum Einsatz, damit die Lieder stets tanzbar bleiben.

In Zeiten, in denen die AfD in allen Länderparlamenten deutlich oberhalb der 5%-Hürde vertreten ist und von Politiker*innen diskutiert wird, ob Menschen vor dem Ertrinken zu retten rechtens ist, wird deutlich, dass es allerspätestens jetzt dringend notwendig ist, klar Position gegen Rechtspopulismus und Menschenfeindlichkeit zu beziehen. (Nicht nur) Mit „Ihr seid doch auch nicht besser“ scheuen sich jedenfalls nicht davor, klare Worte zu finden.

Mehr Informationen:
www.egotronic.net

SEPT 2019 

Köster / Hocker - fremde feddere

Der Begriff „sich mit fremden Federn schmücken“ geht auf eine alte römische Tierfabel zurück.  Ein Rabe sah Pfauenfedern in der Gegend herumliegen und dachte sich, er könne doch sein tristes Federkleid etwas aufhübschen, in dem er es mit Pfauenfedern verzierte. Das nahmen ihm die Pfauen aber übel und rupften dem armen Vogel nicht nur die fremden Federn aus.

Gerd Köster und Frank Hocker haben ihr Album „Fremde Feddere“ genannt. Und in der Tat sind auf diesem Album lauter Stücke versammelt, die von anderen stammen, von Bekannten wie Waits, Dylan, Hiatt, MacGowan sowie verborgene Perlen wie Bonnie „Prince“ Billy, Ian Tyson oder Egbert Williams. Die Liederpreisträger des Jahres 2018 müssen aber keine Angst haben, deswegen bald wie gerupfte Vögel dazustehen: Ihre Interpretationen sind eine Hommage an die erwähnten Songwriter, für die es eher eine Ehre sein dürfte, dass sie berücksichtigt wurden.

Die Lieder auf „Fremde Feddere“ sind keine 1:1-Übersetzung der Originale, sondern sind hintergründige, teilweise humorvolle Übertragungen in unsere Zeit und unsere Welt. Aus John Hiatts „Train to Birmingham“ wird der „Zoch nach Lummerland“ und Dylans „To serve somebody“ wird textlich geradezu umgedreht: Aus dem religiösen Text, dass man Gott oder dem Teufel dienen müsse, wird ein sehr weltliches „Do darfs nix metnemme“, das inspiriert wurde von Ringsgwandl, der 1989 mit „Nix mitnemma“ einen ähnlichen Text auf bayrisch verfasst hatte. Besonders gefreut habe ich mich über „Nobbi Brown“, eine Verbeugung vor Frank Zappas „Bobby Brown“, das bei uns im Radio nur gespielt werden durfte, weil keiner der Programmmacher den englischen Text verstanden hatte. „Ich ben e bildhübsch Sackjeseech (Sackgesicht)“, sagt denn auch Kösters Nobbi und der weitere Text des Liedes lässt keinen Zweifel daran, dass es so ist. Zu erwähnen sind aber nicht nur diese wunderbaren Texte sondern auch die neuen Arrangements, die fast alle weit entfernt von dem Original sind. Es sind nämlich nicht einfach nur fremde Feddere, mit denen sich der Rabe in der erwähnten Fabel schmückt. Umgekehrt: Die alten Lieder werden mit fremden Federn verziert. Und so entstehen ganz neue Klangbilder, in denen man die Originale oft gar nicht auf Anhieb erkennt.

Bleibt noch zu erwähnen, dass der CD ein Booklet beigelegt ist, in dem die Texte abgedruckt sind. Das ist auf jeden Fall hilfreich für alle, die des Kölschen nicht mächtig sind, aber trotzdem Text UND Musik genießen wollen. Denn das lohnt sich, weil Köster und Hocker mit zu den besten der deutschen Singer/Songwriterszene gehören.


Mehr Informationen:
www.gerd-koester.de
Liederbestenliste | September 2019        © Deutschsprachige Musik e.V.

AUG 2019 

Rainald Grebe & Die Kapelle der Versöhnung - Albanien

Nach fünf Jahren ein neues Lieder-Programm:
Rainald Grebe und „Die Kapelle der Versöhnung“ - Letzte Ausfahrt „Albanien“.

Er war uns fast schon abhanden gekommen – immer intensiver und regelmäßiger verfolgte Rainald Grebe Theaterpläne; kein Wunder eigentlich: der immerhin gelernte Schauspieler und Dramaturg absolvierte erste erfolgreiche Schritte am Theater in Mülheim an der Ruhr und in der Intendanz vom Theaterhaus in Jena. Mittlerweile inszenierte er im eigenhändig verfeinerten Revue-Format an noch renommierteren Häusern, in Leipzig und Berlin, Hamburg und Frankfurt, mehrfach in Hannover und immer wieder in Köln; dort, in der Heimatstadt, verwandelte er sogar heilige Kühe der Lokalgeschichte, zuletzt den „EffZeh“ und zuvor den rheinischen Karneval, in launige Bühnenspektakel. Ein Lied aus einer hannoverschen Produktion hat es sogar ins Programm der neuen CD geschafft: das vom „Anadigiding“, die verzweifelte Hymne über die Allgegenwart digitaler Vernetzung. Für Liedermacherei im vertrauten Gestus war da kaum noch Platz und Zeit; gern gab’s am jeweiligen Theater auch ein Konzert als Zugabe zur hauseigenen Produktion – aber das war’s dann auch. Ein sehr ernst zu nehmender Warnschuss auf gesundheitlichem Terrain kam hinzu – nach all dem können sich Freundinnen und Freunde von deutschsprachigem Liedermaching durchaus freuen über Rainald Grebe jüngste CD.

Mit „Albanien“ singen Grebe und „Die Kapelle der Versöhnung“ das Hohelied auf die blinden Flecken, die der Krawalltourismus allüberall noch hinterlassen hat: Letzte Ausfahrt Albanien. Da sind probate Vorurteile in Kauf zu nehmen: wie das von der Schildkröte, die angeblich in Albanien aus purer schildkrötenfeindlicher Bosheit auf den Rücken gedreht und ausgelacht wird, wenn sie verzweifelt zappelt. Grebe, dieser freundliche Apokalyptiker moderner Zeiten, sieht wahrscheinlich eher die mehr oder minder zivilisierte Menschheit an sich, auf den Rücken gedreht zappelnd und zeternd vor Hoffnungslosigkeit, herum liegen in den selbstgeschaffenen Wohlfühl-Oasen weltweit. Wie kraus und kurios auch immer Grebe über viele Lieder-Programme die eigenen Phantasien ausformuliert hatte, so fatalistisch erzählt er jetzt ulkige Endzeit-Geschichten.

Und da er bei aller Lust am Kommentar zu Fragen der Zeit nie das überbordende Talent des Komikers beiseite gelassen hat, setzen sich die Songs der neuen CD wie giftige kleine Ohrwürmer fest im Bewusstsein von Hörerin und Hörer – Grebe blieb ein fulminanter Entertainer, der die eigene Lässigkeit gern dazu nutzt, der tendenziell unbelehrbaren Kundschaft gehörig auf die Nerven zu gehen. Gut so.

Nicht so gut ist, dass auf der gesamten CD-Verpackung auch nicht einmal erwähnt wird, wer denn bitteschön die beiden ziemlich prächtigen Musiker an Grebes Seite sind – denn mit „Die Kapelle der Versöhnung“ ist ja nicht etwa das Gotteshaus der Versöhnungsgemeinde an der Bernauer Straße in Berlin gemeint, eine Gedenkstätte nahe der früheren Mauer; Grebes Trio-Partner sind der Gitarrist Marcus Baumgart und am Schlagzeug der Schauspieler Martin Brauer.

Der hat ja auch Termine – derzeit im Ensemble vom Schweriner Theater. Aber jetzt, im Sommer 2019, sind Rainald Grebe und „Die Kapelle der Versöhnung“ auch fleißig unterwegs - mit „Albanien“ im Gepäck.


Mehr Informationen:
https://rainald-grebe.de

JULI 2019  Dieter Kindl, Kassel

[Fredrik Vahle] - Zugabe

Kinder lieben Musik. Und sie lieben Kinderlieder. Beim Singen fördern sie so ganz unbewusst die Kreativität, das Gedächtnis, die Konzentrationsfähigkeit. Zudem wirkt sich das Singen positiv auf das Sprechenlernen aus. Viele der allgemein bekannten Kinderlieder stammen aus dem 19. Jahrhundert. Erst in den 1970er-Jahren kamen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, neue Lieder hinzu. Und mit ihnen kamen die, die diese Lieder singen: Kinderliedermacher.

Einer davon ist Fredrik Vahle, der im Juni seinen 77. Geburtstag feiern konnte. Gemeinsam mit Christiane Knauf schrieb er erste eigene Kinderlieder. 1973 erschien ihre erste Platte »Die Rübe«. Weitere folgten. Bis heute hat Fredrik Vahle weit über dreissig Alben mit Liedern für Kinder veröffentlicht. In den frühen Liedern ging es um Toleranz und Miteinander - ein Novum zur damaligen Zeit - ebenso wie die musikalische Form, die von griechischer und spanischer Musik sowie vom amerikanischen Folk inspiriert war. Das brachte Schwung in das bislang meist einfallslose und schwerfällige Genre und wurde auf Anhieb ein großer Erfolg.

Zu seinem Geburtstag ist nun das Hommage-Album »Zugabe« erschienen, auf dem Musikerinnen und Musiker ganz unterschiedlicher Genres sein Werk auf ihre Art würdigen.

Stoppoks schnoddrige Art zu singen passt gut zum Opener »Das kleine bunte Trampeltier«, bei dem es um zivilen Ungehorsam geht. Musikalisch wird er dabei von der schwedischen Folk-Pop-Band Fjarill unterstützt. Gleich danach erklingt Vahles wohl bekanntestes Lied in einer leicht jazzig angehauchten Version. »Anne Kaffeekanne«, das selbstsichere, freche Mädchen, das sich nicht an Konventionen hält, wird von Schauspielerin Maren Kroymann, die sich seit Jahrzehnten für die Frauenrechte einsetzt, interpretiert.

Die Hip-Hop-Formation Deine Freunde, die mittlerweile zu den erfolgreichsten und bekanntesten Interpreten für Kindermusik gehört, haben sich der »Stille« angenommen. Ihren Kollegen von der Kinder-Rockband Randale hat es »Der Hase Augustin« angetan, dem sie noch ein wenig mehr Drive eingehaucht haben. Den Jäger Schlamm aus dem Lied, der zur Jagd ins mittelhessische Dorf Salzböden, wo Vahle seit langem lebt, aus Düsseldorf mit dem Hubschrauber kam, gab es wirklich. Das Lied gehört auch heute noch zu Fredrik Vahles Repertoire.

Ebenso wie »Die Rübe«, das zeigt, dass alle Kinder - auch die von Gastarbeitern - zusammen viel erreichen können, was bei Veröffentlichung des Liedes auf heftige Kritik stieß, weil Vahle politische Themen und Konflikte thematisierte. Diesem Lied hat sich sein Kollege Hartmut E. Höfele, der schon seit Jahrzehnten als Kinderliedermacher unterwegs ist, angenommen.

Besonders gut gefallen hat mir Max Mutzkes Interpretation von »Der Friedensmaler« aus dem gleichnamigen Album von 1983, in dem die Entstehungsgeschichte des russischen Liedes »Pust wsegda budet solnze« erzählt wird, einem der bekanntesten Kinderlieder in der Sowjetunion. Den Refrain hat Folk-Legende Pete Seeger wenig später ins Englische übersetzt und unter dem Titel »May There Always Be Sunshine« weltweit bekannt gemacht. Max Mutzke hat sich dieses Lied zu eigen gemacht - mit soviel Soul fasziniert der Song, trotz seines Alters, wieder aufs Neue.

Das gilt auch für die weiteren Lieder auf dem Hommage-Album »Fredrik Vahle - Zugabe«, für das sich Heinz Rudolf Kunze, Wigald Boning & Roberto Di Gioia, De-Phazz feat. Pat Appleton, Mia Diekow, Eki & Kathrin, Johannes Falk, Pawel Popolski & Fräulein Schneider, Tex, Kai & Funky von Ton Steine Scherben mit Gymmick und Max Prosa & Sarina Radomski verantwortlich zeichnen.

Ein spannendes, ein einzigartiges Album - für alle jungen und junggebliebenen Kinder.


Mehr Informationen:
www.fredrikvahle.de

JUNI 2019  Michael Laages, Hannover

GRIPS Theater - Die schönsten Lieder aus 50 Jahren

Lieder der Veränderung

Der amüsanteste Hinweis findet sich ganz oben auf der Schmalseite des 3 CD"s schweren Pakets - diese Musik wurde erdacht und gemacht für Menschen "ab 4"; links daneben liest sich die Empfehlung noch etwas präziser: "von 4 bis 99 Jahren". 84 Lieder aus 50 Jahren mit den Produktionen des "Grips"-Theaters in Berlin sind versammelt in fast vier Stunden, exakt 228 Minuten. Zum Jubiläum der ersten deutschen Bühne, die sich ab 1969 "Kinder- und Jugendtheater" nennen konnte und nicht die Weihnachtsmärchen-Abteilung an einem Stadt- oder Staatstheater war, wird diese Sammlung musikalischer und geschichtenerzählerischer Phantasie zum Glanzlicht der Feierlichkeiten; weit über die engere Grips-Gemeinde hinaus.

Im Booklet erinnert sich Volker Ludwig, Gründer des Hauses und mit über 80 Jahren Doyen der europäischen Kinder- und Jugendtheater-Szene; und in den Song-Ensembles früher Grips-Stücke dokumentiert sich auch der familiäre Zusammenhalt des Hauses - Volker Ludwig ist der Sohn der legendären Kabarett-Autors Eckart Hachfeld (der vor allem "Das Kom(m)ödchen" in Düsseldorf zur Institution werden liess als literarisches Brettl), und der Sohn hieß eigentlich genau wie Papa. Aber auch Judith und Caspar Hachfeld sind bald Teil vom Grips; unter die ungezählten Interpreten der frühen Jahre reiht sich Renate Küster (später Teil der "Münchner Lach- und Schießgesellschaft" und Dieter Hildebrandts letzte Partnerin) genau so ein wie die junge I Sa Lo und Berliner Kabarett- und Theater-Größen wie Dieter Kursawe. Kein Wunder: Auch Grips war hervor gegangen aus dem Kreis ums "Reichskabarett", das in den 60er Jahren neben Dieter Hallervordens Ensemble "Die Wühlmäuse" den Kern des Kabaretts in Berlin definierte, über die schon damals stark gealterten "Stachelschweine" hinaus. Das neue Kindertheater war auch die Fortsetzung des Kabaretts mit anderen, jüngeren Mitteln. Und wenn schon die Eltern nichts mehr lernten, dann waren vielleicht ja Kinder erreichbar ...

Auch aus dieser politischen Ideenwelt speisten sich die Grips-Texte: "Max und Milli" oder "Stokkerlok und Millipilli", "Balle, Malle, Hupe und Arthur" oder "Ein Fest bei Papadakis" öffneten noch vor dem Dauerbrenner um die U-Bahn-"Linie1" die aktuellen politischen Debatten der Zeit auch für Kinderohren. Grips ist Emanzipation für die Kleineren und Kleinsten, und um die bemüht sich immer auch die Musik, in den frühen Jahren vor allem und immer wieder bis zum viel zu frühen Tod 2012 vom prägenden Komponisten Birger Heymann. Gemeinsam war Ludwig und Heymann ein schönes Motto wie dieses: "Doof gebor"n ist keiner". Und so hieß denn auch ein Lied aus "Doof bleibt doof" ... Immer wieder sind aus den Grips-Maximen Lieder geworden.

Es tut gut und macht Älteren Spaß, sie wieder zu hören; jüngeres Publikum kann hier ein Stück Befreiung spüren, über Epochen hinweg. Aus manchen Liedern wurden quasi geflügelte Worte und politische Werte dazu: "Wer sagt, dass Mädchen dümmer sind?" stammt aus "Balle, Malle, Hupe und Arthur", genau wie "Einer ist keiner"; "Wir sind Kinder dieser Erde" wurde gesungen bei "Ein Fest bei Papadakis", "Kinder können mehr, als man denkt" konstatierte 2002 das Grips-Stück "Kannst Du pfeifen, Johanna?". Die Musik solcher Lieder hatte nicht nur bei Heymann stets Nach- und Mitsing-Qualität - und wurde auch so zum Impuls für Kinder und Eltern. Wer im Grips Theater gewesen war, hatte meistens fortan Lust, Dinge zu verändern.

Diese drei Jubiläums-CD"s sind prallvoll von diesem Impuls - und gerade darum ein Highlight fürs Heute und Hier.


Mehr Informationen:
www.grips-theater.de
www.argon-verlag.de

MAI 2019  Barbara Preusler, Reinach/BL

sonix - zwischen hier und jetzt

Zwei Punkte fallen mir auf seit einiger Zeit. Erstens: Viele Alben der LBL- BewerberInnen sind mit grosser Liebe und mit hochprofessionellem Handwerk produziert. Zweitens: Die meisten Liedermacher befassen sich mit sich selbst. Mit ihren ganz persönlichen Befindlichkeiten. Liebesschmerz, Sehnsucht, Lebensenttäuschungen, Älter werden und und und… . Inhaltlich drehen sich die Texte um ICH ICH ICH. Das bereitet mir persönlich immer mehr Mühe. Wo bleibt der Blick über den Tellerrand? Wo werden gesellschaftliche Zustände thematisiert? Wo geht es um unseren Planeten mit seinen Hoffnungen und Schweinereien in Politik und Wirtschaft? Diese Themen wären doch allemal auch ein Lied wert. Es muss nicht die geballte Faust sein. Mir genügten schon raffinierte Texte und intelligente Pointen.

Trotzdem, die Beschäftigung mit sich selbst bleibt natürlich ein wichtiges Thema. Vor allem auch, wenn die Lieder so sinnig und originell gestaltet sind, wie bei SONIX. Sonix ist Wienerin und lebt in der Schweiz. Überzeugend ist bei ihr neben der hohen gesanglichen Qualität die spürbare Freude am Schaffen mit Text und Musik. Ihre Lieder besingen sehr unterschiedliche Seiten des Lebens, auch die weniger sonnigen Zeiten ihres Alltags. Trotzdem macht sie uns Mut und schaut vorwärts. Teils verletzlich, teils mit voller Power kommt Sonix mit ihrer herrlichen fünfköpfigen Band daher. Die Anfänge jedes Songs sind abwechslungsreich und immer wieder überraschend gestaltet. Sonix swingt, bluest, rockt und jazzt, dass es uns ansteckt und Freude macht.

Gitarre und Saxophon werden mit speziellen rhythmischen Grooves vom Yiannis Papayiannis perfekt gespielt. Martin Eigenmann brilliert mit klaren und spannenden Jazz-Piano-Solis, dann und wann wechselt er auf seine Hammond Leslie Orgel. Ivo Bucher spielt einen klaren und präzisen Bass und Jost Müller glänzt am Schlagzeug. Diese Band ist einfach Spitze und sie trägt die Sängerin mit einer überzeugenden Leichtigkeit von Titel zu Titel. Dazu ist zu bemerken, dass Sonix uns mit ihrer warmen, klaren bis souligen Stimme gekonnt umschmeichelt. Sie spielt virtuos mit unterschiedlichen musikalischen Elementen und vielen künstlerischen Einflüssen. Sie nimmt den Alltag in Ihre Lyrik-Pop-Songs charmant und glaubwürdig auf.

Besonders gefällt mir „Ich nehm" den Weg unter meine Füsse“. Hier entfaltet sich ganz besonders eindrücklich ihr angenehmer Gesang und die Band besticht mit Solis aus Blues, Funk und Jazz. Mit „Single“ trifft sie den Zeitgeist vieler selbstbewussten Frauen. Der Song kommt laut, kurz und bestimmend daher. Freude hat man allemal beim Hören aller ihrer 14 Titel.

„zwischen hier und jetzt“ ist ein unterhaltsames Album, natürlich auch für weiter weg und morgen, zwischen Feiertag und Alltag.


Mehr Informationen:
www.sonix.ch
www.mx3/sonix
https://soundcloud.com/sonja-wanner

APR 2019  Fredi Hallauer, Bern

Schmidbauer - Pollina - Kälberer: Süden II

Die drei, Werner Schmidbauer, Pippo Pollina und Martin Kälberer spielten vor fünf Jahren eine Tour mit 100 Konzerten durch Deutschland, Schweiz, Österreich und Italien mit einem Schlusskonzert in der Arena von Verona. Nun sind sie zurück mit einem Album und einer neuen Tour. Aber beginnen wir von vorne. Die beiden Bayern Werner Schmidbauer und Martin Kälberer lernten Pippo Pollina, aus Sizilien und der Schweiz, an einem Konzert in Bayern kennen. Es entstand eine tiefe Freundschaft und eben die Süden Konzerte und dieses Album.

Der Süden ist ja ein Ort der Sehnsucht und der Ferienträume für uns Menschen aus dem Norden. Oder muss man sagen war, denn jetzt kommen plötzlich Menschen aus fremden Ländern aus dem Süden zu uns. Zuerst hiess man sie willkommen, jetzt sind hier nicht mehr alle so glücklich, denn diese fremden Menschen bleiben. Genau dies ist das Thema dieses Albums »Süden II«.

Die Lieder haben Werner Schmidbauer und Pippo Pollina geschrieben. Einer hat jeweils den Hauptteil gemacht, entweder auf Deutsch oder Italienisch und hat dabei Lücken für den Anderen gelassen um in seiner Sprache etwas dazu zu singen. Wer das Gefühl hat, da versteht man ja eh nichts, dem sei gesagt, dass hier gemässigtes bayrisch gesungen wird und alle Lieder, inkl. dem italienischen, im Booklet komplett auf Standard Deutsch übersetzt wurden. Martin Kälberer setzt diese Lieder mit wunderschöner Musik ins rechte Licht. Auf dem Album sind noch weitere Musiker dabei, aber der Text bleibt immer im Vordergrund.

Das erste Lied Richtung Süden erklärt unsere Faszination des Südens, die Fröhlichkeit, das Feiern, die südliche Lebensweise und die Freundschaft der drei Musiker. Das italienische Lied Le Citta Dei Bianchi (auf Deutsch Die Städte der Weissen) sind Fragen, welche ein Kind dem Vater auf der Flucht stellt, da ist die deutsche Textzeile „Vater sag, ist es wahr, dass in der Stadt der Weissen, sich die Kinder um Liebe und Zärtlichkeit reissen ...“ zu finden. Ein starkes Lied ist Stolz drauf in dem es darum geht, dass man nur stolz sein kann auf etwas, was man selber gemacht hat - also auf den Geburtsort, das Geburtsland gibt es keinen Grund stolz zu sein, denn da kann man selber nichts dafür. So gibt es unter den 15 Liedern noch viel zu entdecken auch einen englisch-italienischen Song von Pippo Pollinas Tochter Madlaina. Im letzten Lied des Albums A jeder der do moant singt Werner Schmidbauer „Jeder, der da meint, er weiss, wie es geht. Ich weiss nur eins: trau ihm nicht.“


Mehr Informationen:
www.wernerschmidbauer.de
www.pippopollina.com
www.martinkaelberer.com

MÄRZ 2019  Tom Schroeder, Mainz

Charly Schreckschuss Band: Was Nun - Was Tun?

Er hat den Blues schon etwas länger – und einen Hang zum Handfesten. Rainer Beutin, 1951 in Rendsburg geboren, kümmerte sich als Medizinischer Bademeister und Masseur erfolgreich um Patienten, die es (wie du und ich) im Kreuz haben, er wurde Experte für übelste Problemzonen wie das Iliosakralgelenk und berüchtigte Muskeln wie den Piriformis.
Als Gründer, Leader, Sänger, Gitarrist, Komponist, Texter, Moderator und Mädchen für alles nennt er sich Charly Beutin und bläst seit vier Jahrzehnten der Charly Schreckschuss Band ihre guten Geister ein. Geburtsjahr der Band war 1978, in diesen Tagen feiert sie mit Live-Konzerten und einem neuen Album ihr Jubiläum 40 Jahre Charly Schreckschuss Band.

Die neue CD/LP, die zwölfte seit 1981, heißt Was Nun – Was Tun?. Im Titelsong geht es um eine Zweier-Beziehungskiste, von der nicht klar ist, ob sie in die Grube fährt oder in eine bessere Zukunft. Eindeutiger dagegen wird es in der Männer-und-Frauen-Nummer: „Männer und Frauen / passen nicht zusammen – nur in der Mitte / sagt meine Schwiegermutter.“

Die Musik der zwölf Songs wird im schnörkellosen, gut recherchierten Begleittext von Joachim Pohl so auf den Punkt gebracht: „Aus voller Kehle – mit dem typisch gitarrenbetonten Schreckschuss-Sound. Es groovt, es hämmert, es spielt, es stampft. Herrlich! Mit ihrem Cocktail aus R&B, Soul, Blues, Cajun und der großen Konstante Boogie haben sie uns schnell gepackt.“

An gleicher Stelle sind Sätze zitiert, die Manfred Miller, Blues-Chronist und Erfinder des Lahnsteiner Bluesfestivals, in einem Brief an Beutin schrieb: „Du kommst immer wieder verdammt nah an den Punkt heran, wo im Blues der Unterstrom von uralter Musik-Magie zu Tage tritt, mit Mojos und Voodoo, mit Unterbewusstsein, kollektiv Unbewusstem und dem ganzen Budenzauber.“ Eine Menge Holz. Mehr davon, so detail- und materialreich wie in sonst keiner anderen deutschsprachigen Veröffentlichung zum Thema Blues, findet man im jüngsten Buch von Manfred Miller: Um Blues und Groove, Heupferd Musik Verlag, Dreieich, 2017.

Blue blüht der Enzian – so heißt ein feiner Aufsatz über die Spuren, die afroamerikanische Musik (insbesondere Swing, Boogie und Blues) im deutschen Schlager nach 1945 hinterlassen hat. Autor: Christian Pfarr, umtriebiger Mainzer Musikwissenschaftler und SWR1-Redakteur. Pfarr hat so manches blaugefärbte Überraschungsei gefunden, in seinem Swing-Club treffen sich z.B. der Seemann Mäcki (Evelyn Künneke; Rita Paul/Bully Buhlan) und der Theodor im Fußballtor (Theo Lingen) mit der Zuckerpuppe und der OhneKrimiMimi des großen Bill Ramsey (In: Michael Rauhut/ Reinhard Lorenz (Hg.). Ich hab den Blues schon etwas länger. Christoph Links Verlag, Berlin, 2008).

Ich kann mich gut an einen Schlager erinnern, den Bill Ramseys Freund Paul Kuhn geschrieben und den 1957 Ralf Bendix gesungen hat. 1969 übernahm die Chanson-Sängerin und Pianistin Fifi Brix den Song, ein zeitloses, ebenso bluesiges wie blaues Stück: Jonas, warum trugst du keine Brille, du wärst heute noch bei mir. Sieh, so mancher fährt mit zwei Promille. Doch du, Jonas, hattest vier.

Nach dem Siegeszug von Beat und Rock und dann auch den American Folk Blues Festivals ab 1961 steht der Blues als musikalische Formel hierzulande zur allgemeinen Verfügung. Inzwischen haben sich viele seiner bedient, gern auch in deutscher Sprache, ob Hochdeutsch oder Dialekt.

Nur ein paar Namen derer, die seit den 1970er-Jahren mit dem Zwölftakter Blues in deutscher Zunge ganz gut gefahren sind: Schobert & Black, Michael Bauer, Gerd Birsner, Hannes Wader, Bodo Kolbe, Billy Crash aus der akustischen Abteilung. Halbakustisch, um nicht zu sagen folk-rockig, kamen uns dann z.B. Bernie Conrads, Stefan Stoppok, Dany Dziuk sowie die DDR-Kollegen Stefan Diestelmann und Engerling. Bei Joy Flemings genialem Neckarbrückenblues von 1972 wurde es dann etwas heftiger und poppiger: Blues als „realistische Unterhaltungsmusik“ (Manfred Miller).

Seit gestern oder vorgestern, also seit den späten 70er- und 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts, gibt es Chicago Blues auch auf Einheimisch. Deutschsprachige Sänger-Komponisten besorgen sich im Elektrofachhandel (manchmal auch bei der Starkstromindustrie) Power für ihre Gitarren – Bands wie Das Dritte Ohr (Hildesheim), Toschos Blues Company (Osnabrück) oder das Jürgen-Kerth-Quartett (Erfurt). Und eben Beutins Charly Schreckschuss Band.

Man könnte Blues mit einer Pizza Margherita vergleichen, die man, je nach Gusto, belegt mit Peperoniwurst, Artischocken oder Sardellen. Und gelegentlich mit Matjes oder Kutteln – wie bei Charly Schreckschuss.

Rainer Beutin („Ich komme von ganz unten“) konnte gar nicht anders als Deutsch zu singen, Englisch gab es nicht auf der Volksschule, auch nicht auf der Mittelschule. Und auf Endreime war unser Dichter nie besonders scharf. Die ersten Sporen verdiente er sich als 14-Jähriger, da spielte, schnackte und sang er in örtlichen plattdeutschen Theatergruppen.

Ein Song liegt mir bis heute im Ohr, den hat Rainer 1981 auf seinem ersten Album in meine Blues-Sendung auf hr3 (vermutlich Top Time) mitgebracht. Langsames, beißendes Gitarrenintro, dann dieser bis dato unerhörte, blaffende Sprech-Gesang: „Mein Telefon
klingelt, Muddy Waters ist auf der andern Seite dran...“

Die charakteristische Einheit von Singing & Talking, diesen typischen Schreckschuss-Rhythm "n" Blues-von-tuhuus pflegt er bis heute. Man hört das z.B. in der Geschichte Großer weißer Vogel, einer modernen, durchaus politischen Fabel vom Fressen und Gefressenwerden, von den Armen, die es ohne die Reichen nicht gäbe. Ein ganz starkes Stück.

Rainer Charly Beutin kann beides: Entzaubern und Verzaubern – ein Unterhaltungskünstler, der schon dafür sorgt, dass der Bär genug zu steppen hat. Und der seit drei Jahrzehnten auch gegen die neuen Nazis hierzulande singt. In seinen aktuellen Konzerten behauptet der Witzbold: „Wir haben Auto und Kühlschrank. Aber ansonsten sind wir kurz vorm Mittelalter“.

Track 5, Titel Einmal, beginnt mit einem wiederholten Funk-Riff und wird dann zu einer Midtempo-Popnummer, da träumt er einen schönen Traum: „Einmal aufwachen, ohne den gestrigen Schmerz zu begrüßen. Die Treppe runterlaufen und jede zweite Stufe überspringen. Einmal noch dieses Gefühl nach dem ersten Auftritt im PÖ haben. Wow, jetzt werde ich doch noch Rockstar, Ooohhh ich werde Rockstar.“
Rockstar wird er ganz bestimmt nicht mehr. Von denen gibt’s eh genug, ein paar Beutins mehr dagegen würden uns nicht schaden.

Zwar ist er schon ab 1979/80 im Onkel PÖ aufgetreten, drei Jahrzehnte später dann sogar beim Festival in Wacken und kurz danach beim Hamburger Hafenkonzert im NDR. Das ist gut für die Haushaltskasse, gut für"s Ego, nur ist das nicht die Regel. Die sieht eher so aus, dass immer mehr Spitzenmusiker, z.B. von der Qualität der Schreckschuss-Band, in Richtung Altersarmut improvisieren müssen. „Ich will ja gar kein Rockstar werden“, sagt Charly Beutin, „ich möchte nur die Band dahin bringen, dass die Herren in Ruhe schlafen können und nicht nachts an die Zahlung ihrer Miete oder Krankenkasse denken müssen“.

Seit den Anfängen der Schreckschuss-Band hat er es als Talentscout und Leader immer wieder geschafft, ein paar der besten Bluesikanten des Landes zu finden und zu einer Spitzengruppe zusammenzuführen. Aber auch die richtig Guten müssen in Konzerten immer öfter „auf Hut spielen“, da geht, nach freiem Eintritt, zum Schluss der Klingelbeutel rum.

Rainer Beutin wird im Mai dieses Jahres 68, da darf man gratulieren, auch zur Frau seines Lebens, Hanna, zu den drei Kindern, drei Enkeln und einer Agentin – der einzig wahren Julia Weber!
Dann wird das Geburtstagskind endlich, was es schon lange ist, ein richtiger Alt-68er.

 

Mehr Informationen:
www.charly-schreckschuss.de

FEB 2019  Harald Justin, Wien

Sterzinger – Koehldorfer – Schaden: Keuschheit und Demut in Zeiten der Cholera

Wir leben nicht in den besten aller Zeiten, und die Österreicher haben mit der Wahl einer offen rechtspopulistischen Regierung alles dafür getan, um es einem politisch bewussten Liedermacher zu verbieten, lediglich mit holzschnittartigen Politparolen Talent zu erweisen und Haltung zu zeigen. Niemand weiß das besser als Stefan Sterzinger. Der alte Fuchs des Wiener Liedermacheradels formuliert deshalb in Zusammenarbeit dem Gitarristen Edi Koehldorfer und dem Bassisten Jörg Schaden seine Kunst der Opposition fundamentaler.

Musikalisch bleibt es, dem Genre gemäß, auf der Ebene einer gut abgehangenen Melange von Wienerlied, Chanson und Jazz. (Wobei man wissen muss, dass der Akkordeonist Sterzinger sich durchaus auf freie, atonale Musiken versteht.) Textlich aber fordert Sterzinger sein Publikum, indem er es surrealistisch bis dadaistisch wuchern lässt und damit die sinnstiftende Ordnung der Sprache grundsätzlich in Frage stellt. Anstatt simpler Spruchblasen gibt es mit dem Sinn für Sprache ausgestattete, lautmalerische Vokalspiele, die dem Nonsense auf die Sprünge helfen. Banale Liebeslyrik macht Platz für den Eigensinn in der Liebe und deren verstörende Liebesspiele, die nicht im Ehehandbuch stehen. Wiener Dialekt entzieht sich dem Allgemeinverständlichen, Sprachspiele führen in die Untiefen des menschlichen Verstehens.

Das ist Musik zum Zuhören, nicht zum Mitklatschen; Musik zur Kultivierung des Eigensinns und des Muts zum Anderssein. Eine fundamentale Absage zum Liebsein in Zeiten des sozialen Liebseins, die sich quer zum nickenden Einverständnis stellt.

 

Mehr Informationen:
http://sterzinger.priv.at

JAN 2019  Petra Schwarz, Berlin

Die Grenzgänger: Revolution

Auf ihrer 10. CD - wieder erschienen auf dem eigenen Label Müller-Lüdenscheidt - machen die Grenzgänger das, was sie seit 30 Jahren praktizieren: Sie s p i e l e n mit T r a d i t i o n e n. Der Anlass jetzt: der 100.Jahrestag der Novemberrevolution mit Demonstrationen am 9. November (!) 1918 in Berlin, die Ausrufung der Republik durch den SPD-Politiker Philipp Scheidemann und wenige Stunden später der „freien sozialistischen Republik Deutschland“ durch Karl Liebknecht und die 1919 durch Wahlen begründeten Weimarer Republik mit der ersten parlamentarischen Demokratie in Deutschland. Die Novemberrevolution - die die Grenzgänger zur vorliegenden Veröffentlichung inspirierte - wurde zwar blutig niedergeschlagen, setzte aber dem Massensterben des 1. Weltkrieges ein Ende.

Das Bremer Quartett mit deren Gründer (und „gelerntem Straßenmusiker“) Michael Zachcial (Gesang und Gitarre), Felix Kroll (Akkordeon), Annette Rettich (Cello) und Frederic Drobnjak (Konzertgitarre und E-Gitarre) - ergänzt durch Friedemann Bartels (Schlagzeug) und Claudius Toelke (Kontrabass und E-Bass) - hat 17 Songs aus dieser Zeit (oder älter, die vor hundert Jahren aber noch immer gesungen wurden) bearbeitet. Dabei scheint - wie der Name es auch im musikalischen Sinne schon suggeriert - kein Musik-Stil vor ihnen „sicher“ zu sein. Der Titelsong „Die Revolution“ kommt als Reggae daher, „Im Januar um Mitternacht“, das Büxensteinlied, ist ein an den Blues und New Orleans-„Töne“ angelehntes Stück und auch Hardrock-Anklänge findet man. So kommen die Songs an keiner Stelle „altbacken“ daher; sondern bekommen durch dieses moderne „Gesicht“ einen ganz eigenen Charakter: niemals traditionalistisch, immer - z.T. überraschend - neu.

Die Lied-Texte sind von bekannten Dichtern wie Erich Mühsam, Ernst Toller, Ferdinand Freiligrath oder Bertolt Brecht; aber auch von vielen unbekannten Autoren. Z.T. hat Michael Zachcial, der „Kopf“ der Grenzgänger, Texte bearbeitet und außerdem Musiken neu komponiert.

Viele Informationen zu jedem einzelnen Lied helfen, das Ganze einzuordnen und regen darüber hinaus an, sich mit der Zeit und ihren Liedern zu beschäftigen. Es ist - wie immer bei den Grenzgängern - lehrreich!

„Ein musikalischer Energiestoß, in einer Zeit, in der viele westliche Gesellschaften nach rechts driften.“ betont Michael Zachcial. Dem kann ich nur zustimmen und empfehle die „Revolution“ ;-).


Mehr Informationen:
www.die-grenzgänger.de

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