Persönliche Empfehlung Album

Reihum gibt eine/r der JurorInnen in dieser Rubrik ihre/seine persönliche Empfehlung für ein Album ab und begründet diese schriftlich.

MÄRZ 2021 

Empfehlung: Album 2021/3.


FEB 2021  Fredi Hallauer, Bern

The Sparklettes - Mir Froue heis luschtig

The Sparklettes das sind vier Frauen, welche im Raum Bern wohnen und alle einen Hochschulabschluss in der Sparte Jazzgesang haben. Normalerweise singen die vier Frauen vor allem englischsprachige Songs aus der Sparte Jazz und Pop. In jedem Programm war ein Lied in Mundart, und sie merkten, dass das Publikum besser darauf reagierte, vor allem auf die Aussage. The Sparklettes wählen bewusst Lieder mit sozialrelevanten Aussagen, oft zum Thema Frauen.
So ist nun ein Album mit 17 Liedern entstanden, keines aus der eigenen Feder, aber alle selber arrangiert und eingerichtet für die vier Frauenstimmen. Zwei Lieder sind auf französisch und je eines auf italienisch und rätoromanisch. Von den restlichen dreizehn Liedern gibt eines ohne Worte (Ländlerkapelle nur Vokal) und eines auf Deutsch (von Sophie Hunger). Alle Lieder sind mit hoher musikalischer Qualität arrangiert aber auch mit Witz und dazu kommt, dass der Gesang vom Feinsten ist.

"Mir Froue heis luschtig“ (Wir Frauen haben es lustig) ist ein Volkslied, welches im Original "Mir Senne heis luschtig" heisst und sich auf das Sennenleben auf der Alp bezieht. In der Version von The Sparklettes geht es um das Leben der Frauen in urbanen Gebieten und die Arbeitsteilung, nur ist die Entlöhnung unterschiedlich. Ebenso abgeändert wurde "Grüeziwohl Frau Stirnimaa", ein grosser Hit der Folkgruppe The Minstrels aus den 60igern. Aber hier werden nicht nur die Begrüssungsplattitüden besungen, sondern auch die Antworten der geplagten Frau. "Aare" ist ein geniales Lied von Stiller Has und ein Highlight ist sicher "Swiss Birchermüesli Medley" in welchem etwa 36 Lieder aus der Schweizer Schlager und Pop Szene, aber auch Volkslieder so miteinander verwoben werden, dass es eine Art Gespräch gibt. "Anneli wo bisch geschter gsi", ein altes Volkslied stellt den Tratsch dar, wenn sich ein Mädchen im Dorf mit einem Mann traf. Es hat noch Lieder von Dabu Fantastic und Patent Ochsner mit dabei. Erwähnenswert ist das Medley mit Liedern zu Frauen von Mani Matter, teils in leicht veränderter Form oder das Medley mit Liedern von Arthur Beul, einem Liedkomponisten aus der Swingzeit, welches grosse Hits waren, welche meine Grossmutter noch sang. Die "Tubel Trophy" von Baby Jail, ist ein klares Lied gegen Rechts, was eigentlich immer wieder gesungen werden muss und die "Zuckerwattefrau" von Dieter Wiesmann, schildert das Leben einer Frau im Zirkus.  

Dieses Album ist einerseits gesellschaftsrelevant und politisch, macht aber zugleich auch Spass und man darf sich ebenfalls an der Musikalität erfreuen.
"Mir Froue heis luschtig“ ist etwas vom Besten und Originellsten, was in letzter Zeit aufgenommen wurde.


Mehr Informationen:  
www.sparklettes.ch

JAN 2021  Wolfgang Rumpf, Bremen

Marie Diot - Apfel im Strudel der ewigen Liebe

Schon der ins Absurde weisende Titel des Albums verspricht eine künstlerisch anspruchsvolle wie freche Mixtur aus eigenständigem Songwriting, das von einem späten Hauch Neuer Deutscher Welle-Pop-Romantik getragen wird. “Mitdenk-Indie-Pop“ nennt Marie Diot (auch der Künstlername von Julia Geusch ist ebenso wie der Albumtitel als Wortspiel zu lesen), die vom ihrem Begleiter Fabian Großberg sehr überzeugend begleitet wird, selbst ihren Stil. Etliche Auszeichnungen seit 2014 unterstreichen die Tatsache, dass sich das kreative Duo vollkommen einig ist. Der Sound ist entsprechend ausgegoren, warm und griffig und passt zu Marie Diots Texten, die – mal melancholisch, mal absurd-albern - von alltäglichen Merkwürdigkeiten und einigen Beziehungsirrtümer erzählen.


Im Eröffnungssong »Heizkörper« zum Beispiel geht es nicht etwa um den eisernen Wärmespender in der Wohnung, sondern um die Hitze, die der Geliebte verströmt:

Du siehst so heiß aus, du hast einen Heizkörper
Im Sommer nervt mich das sehr,
aber jetzt ist ja Dezember,
da liebe ich deinen Heizkörper, bitte komm wieder her.
Ich brauch dich nicht von April bis Oktober,
oder wenn doch, dann nur in Ausnahmen.
Färben sich draußen die Blätter zinnober
fang ich an, dich zu vermissen.


Während diese ironische Liebeserklärung musikalische Heiterkeit verströmt, geht es im nächsten Drama »Marius« und dem damit verknüpften »Loslassen« dieser Beziehung durchaus lyrisch, nachdenklich und bluesig zu, dieser Ton bestimmt auch »Mehr als 100 Blumensträuße«, während dann wieder knackige Bässe aus dem Sythi den Rhythmus vorgeben. Ein Trip durch Paris macht dann Station bei dynamischem Swing, bei »Auf andere schießen« weist die a-capella-Gesangsspur in Richtung "Die Prinzen". Apropos Gesang. Marie Diot präsentiert die 13 Songs sehr ruhig, unaufgeregt, cool, nah am Mikrofon, so dass eine intime, suggestive Erzählform entsteht.

Mitunter verlassen die Songs den Boden nachvollziehbarer Alltagsspots und fantasieren sich in andere Welten wie in der Bildbetrachtung »Delfinbeobachtung« oder im medizinischen Grundkurs »Allergisches Asthma«, Generalthema bleibt indes die Liebe und ihre Verwirrspiele. Plus dabei: Alle Songs glänzen durch überraschende Harmoniefolgen, satte Refrains und originelle Arrangements. Der »Apfel im Strudel der ewigen Liebe« präsentiert auch im Booklet freche Fotos und künstlerische Posen (mit Mini-Keyboard, Gitarre und Staubsauger), die den Charakter des Gesamtkunstwerks des jungen Duos Geusch/Großberg überzeugend untermalen getreu dem Motto: Das Leben ist alles andere als richtig normal.

Mehr Informationen:
https://www.mariediot.com/

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