Persönliche Empfehlung Album

Reihum gibt eine/r der JurorInnen in dieser Rubrik ihre/seine persönliche Empfehlung für ein Album ab und begründet diese schriftlich.

JULI 2021  Fredi Hallauer, Bern

Rodas - Rodas

Rodas ist rätoromanisch und heisst Räder. In der Gruppe sind Corin Curschellas (Gesang und Dulcimer), Patricia Draeger (Akkordeon) und Barbara Gisler (Cello). Der Kopf der Gruppe ist sicher Corin Curschellas, zumindest was die Texte betrifft. Corin Curschellas sang schon 1977 in der Band von Walter Lietha, welcher durch seine gesellschafts-kritischen Lieder sehr bekannt war. Sie machte dann sehr viele verschiedene Sachen und sang zwischen Zürich, Berlin, Paris und New York, auch im Vienna Art Orchestra. Durch die Auslandaufenthalte fand sie einen erneuten Zugang zur Heimat und singt heute vor allem rätoromanisch, die Sprache ihres Heimatkantons Graubünden. Bei Rodas steuerte sie aber auch selbst geschriebene Mundartlieder bei.

Das Album wird eröffnet mit dem Lied «Zuckerbäcker». Hier beginnt sie mit der Geschichte der Armen aus dem Kanton Graubünden, welche aus Armut und da sie nichts zum Essen hatten, die Schweiz verliessen und im Ausland als Zuckerbäcker arbeiteten, oder in fremde Kriegsdienste gingen. Sie kehrten dann reich, arm oder überhaupt nicht mehr zurück. Sie singt dann, dass heute die Schweiz an der Spitze der Klimasünder ist, dass der Naturausverkauf grassiert. Andere kommen zu uns in der Hoffnung das es hier besser ist. Sie sind krank, arm und erschöpft. Wir wollen sie nicht, gehen aber selbst gerne nach Afrika auf Safari. Es endet damit, dass wir unser eigenes Grab schaufeln und wenn das nicht geht schafft uns die Welt einfach ab mit einer Pandemie. Der Text ist im Booklet nachzulesen, wie alle anderen Texte auch. Neben den rätoromanischen Liedern und einem englischen Song, singt Corin ein traditionelles Walser Lied, von Liebe Abschied und Tod, also dem Zuckerbäcker nicht unähnlich. Im «Bahnhof SBB» besingt sie das soziale Leben im Zürcher Hauptbahnhof, vom Abschied, der alten Frau im Rollstuhl (genannt der Engel) und dem Engel von Nikki De Saint Phalle an der Decke, den randständigen Menschen in der Brasserie und den Vögeln, welche die Stadt verlassen haben. Es folgt ein modernes Loblied auf Familie, Hof und Leben und als letztes ist in «A mym Rhi» die Geschichte einer Zigeunerin, welche ausgestossen am Dorfrand lebt. Es wird Nichts angeprangert, sondern einfach erzählt.

Alle Lieder werden wundervoll und gefühlvoll von Akkordeon und Cello unterstützt. Dies ist ein sehr intensives Album und trotzdem ein Genuss.


Mehr Informationen:  
corin.ch/new-projects/rodas/

JUNI 2021  Harald Justin, Wien

Könich Persönlich - Zockerkram

Selbst für den dem deutschen Liedgut bestens gesonnene Juroren kommt einmal die Stunde, wo er sie nicht mehr hören mag, diese Lieder aus der Szene, in denen sanftmütige Frauen zur verträumten Gitarrenmusik ihr trauriges Schicksal in einer Welt besingen, die offenbar keine Barbiewelt ist oder junge, introvertierte Jünglinge ihre Pubertätswirren in einer Welt der Einsamkeit besingen. Hilfe! Die Weltfremdheit, die einem da so entgegen klingt und die von keinerlei Realität gespiegelt ist als von der eigenen Nabelschau, ist noch elendiger ist als die der Schlagerwelt. Wo bleiben im Feengesang und der Jünglingsklage eigentlich die echten Menschen mit Fleisch und Blut? Man ist für jeden Realitätspartikel dankbar, statt von „Tränen in der Nacht“ würde ich mich schon über die Nennung der Biermarke freuen, die durch die Nacht hilft.

In diesem Sinn kommt das Album des Sängers Könich gerade richtig. Der Mann hat seine Lehrjahre der Ruhrpottcombo Stormy Monday Bluesband absolviert; vor diesem Hintergrund ist die musikalische Richtung klar: Statt Lagerfeuerromantik mit Holzgitarre gibt abgehangenen Bluesrock mit Gospelchor, glücklicherweise ohne direkten Bezug zum 12-taktigen Blues. Es rockt halt, meistens aber im funky Sprechgesang.

Und Könich singt einfach, sprich: unprätentiöse, da darf sich „Bier“ auf „dir“ reimen. Es muss nicht kompliziert sein, wenn es auch einfach geht. Und wenn ihm eine Frau gefällt, dann singt er nicht vom Mondenschein, sondern ruft „Ich spür die Lust im Schritt“. Er ist ein Ruhrgebietskind auf der Meile in Essen, und wenn er es einmal geschafft hat, wird er nicht mehr zum Korfu-Grill gehen, wie es die Kumpel tun, sondern zum schicken La Grappa in Essen-Bredeney. Klassenkampf 5.0. Er hat ein Doppelkinn und Lippenstift an der Hose. Volle Latte Leben halt. Allein für diese Packung pralles Leben muss man dieses Album lieben.

Noch dazu macht es simples Streamen unmöglich, weil es als großformatiges, mehrseitiges Buch mit Dutzenden von s/w-Fotos aus der unterhaltsamen Geschichte des Musikers daherkommt. Doppelplus.


Mehr Informationen:  
derkönich.de

MAI 2021  Hans Jacobshagen, Köln

Andreas Rebers - Rumpelkinder - Schmuddelstilzchen

Als Franz Josef Degenhardt sein Lied von den Schmuddelkindern spielte, war ich zwölf Jahre alt. Und selbstverständlich war das, was sich damals als Gegenkultur entwickelte, bei uns zu Hause extrem verpönt. Wir lebten im Krieg: Ja, ich weiß, nicht wirklich. Aber es war die Zeit, in der  die alten Geister sich aufmachten, wieder die Herrschaft über das Land zu erringen, alte Spießigkeit neu zu installieren und die alte Ordnung wiederherzustellen. Der Kabarettist Andreas Rebers hat diese Zeit als Jugendlicher genauso erlebt und berichtet davon in einem literarischen Chansonabend. In seinen autobiografischen Texten lässt er die Zeit wiederauferstehen, in denen es noch „Senge“ gab, wenn die Kinder irgendetwas anstellten, was den Eltern nicht gefiel. Die erzählten gern noch vom Krieg und hatten Sehnsucht nach trügerischen Idyllen, die die traurige Gegenwart weitgehend verbannten. Ein guter Brauch waren die jährlichen Hausschlachtungen. Und wenn irgendwas schief ging, gab es dann mal einen Schnaps zur Beruhigung der Nerven.

Ende der 1960er Jahre lag ein besonderes Weihnachtsgeschenk auf dem Gabentisch von Andreas Rebers: Eine Langspielplatte von Franz Josef Degenhardt, der exakt die damalige Gegenwart beschrieb, wenn er von den guten alten Zeiten sang oder vom Sonntag in der kleinen Stadt. »Spiel nicht mit den Schmuddelkindern« hieß das Werk, das mittlerweile zu den Klassikern des deutschen Liedermacherrepertoires gehört. Rebers hat sich jetzt daran erinnert, dass diese Lieder ihn als junger Mensch wesentlich geprägt haben. Für einen Abend in der Bar jeder Vernunft hat er einige davon zusammen mit den Gitarristen André Matov und Samuel Halscheidt einstudiert. Dazu erzählt er, wie er die Zeit erlebt hat, die immer stark vom Krieg geprägt war und in der Chansonniers (so hießen die damals noch, das Wort „Liedermacher“ wurde erst später erfunden) einen kritischen Blick auf die Ereignisse warfen und die unserer Generation halfen zu verstehen, dass und warum alles so war wie es war. Die Lieder von Degenhardt und die Texte von Rebers lassen vor meinem inneren Auge eine Zeit auferstehen, die zum Glück vorbei ist. Wir wissen, dass es dann eine 68er-Bewegung gab, die eine neue Zeit einläutete. Und die Liedermacher spielten die Musik dazu.

Ich möchte die CD »Rumpelkinder – Schmuddelstilzchen, ein Franz Josef Degenhardt Abend mit Andreas Rebers« uns Älteren als Zeitreise empfehlen und den Jüngeren als ein höchst unterhaltsames Lehrstück über eine Zeit, deren reaktionärer Geist durch die 68er-Bewegung bekämpft und niedergerungen wurde. Das sollten wir nicht vergessen, auch wenn manch einer abfällig über die „Alt-68er“ redet. Ein neues Zeitalter brach an, dessen fortschrittliches Denken heute schon wieder in Gefahr ist. Im übrigen: Es macht sehr große Freude, die Lieder von Degenhardt in dieser neuen großartigen Interpretation wiederzuhören.


Mehr Informationen:  
andreasrebers.de

APR 2021  Sebastian Lenth, Alsfeld

Hasenscheiße - Dampferjazz


Als ich die CD aus einem Briefcouvert holte, blickte mich das Cover an und sagte: „Leg mich weg!“

Gesagt getan! Einen Tag später: „Trash-Cover! Nee, nicht heute!

Aber dann; ein paar Tage später, lag das Album wieder in meinen Händen. „Na gut, bring es hinter Dich!“, dachte ich, schaute das Cover nochmal an, klappe es auf, CD entnommen, die Tracklist bespitzelt, CD eingelegt und direkt Track Nummer 4 „Schlüpperpilot“ ausgewählt!

Was soll ich sagen!? Gar nichts! Nur ein fettes Grinsen verformte meine aktuelle Corona-Laune. Die Neugier trieb mich auf deren Webseite und da war dann die Lösung zu finden: „Acoustic Guitar Trash Balladen“. - Ja, das passt!

Und der Name? Ich zitiere aus ihrem Wikipedia-Eintrag: „Der Name der Band stammt angeblich daher, dass ein Freund des Comedy-Duos vor einem Auftritt, welcher vor einem Zirkuszelt stattfand, feststellte, die beiden würden „da voll in Hasenscheiße!“ sitzen. Da das Duo vor besagtem Auftritt noch keinen Namen hatte, wurde kurzerhand der Name „Hasenscheisse“ gewählt.“ 

Wer aber nun denkt, dass es hier qua Bandnamen nur Klamauk zuhören gibt, die oder der irrt. Nein, nein! Sehr gutes Handwerk aus den Bereichen Ska, Polka, Rock und Folk – alles ganz à la „Rockabilly“, gepaart mit authentischen Liedermachertexten, die nicht nur mit Witz gespickt werden, sondern auch mit viel Charme, Satire und sehr nachdenklichen Tönen.

Die aus Berlinern und Potsdamern bestehende Band nimmt sich die verschiedensten Themen unserer Gesellschaft vor und zeigt verschlüsselt durch fröhliche Klänge die allzu schlechten Seiten des Seins unserer Spezies auf. Seit Mitte der 90er Jahre von Matthias „Matze“ Mengert (Gesang) und Christian „Chrishi“ Näthe (Gesang & Gitarre) geründet. „Chrishi“ ist übrigens auch anderweitig bekannt. Er interagiert mit seinem Publikum als ein „Akteur mit besonderen künstlerischen und kulturellen Praktiken, die mit Sprache, Mimik und Gestik ausgeführt werden“ [vgl. Wikipedia]! Das sei hier aber nur nebensächlich erwähnt.

Beginnend mit ihrem ersten Album im Jahr 2007 „Für eine Handvoll Köttel“ vervollständigte sich die Band zur heutigen Formation zusätzlich mit André „Gigi“ Giese (Bass), Sascha „Laschi“ Lasch (Schlagzeug) und Stephan Fuchs (Akkordeon) zu einer großartigen Band.

Betrachten wir beispielsweise die eher nachdenklichen Worte zum Lied „Paradies“, so lässt sich die Leichtigkeit dieser „Liedermacherdichtung“ erkennen. Es wird unsere Geschichte von der Steinzeit bis heute in einigen wenigen Worten „hasenscheissemäßig“ auf den Punkt gebracht!

„Aus der Höhle wird der Tempel und aus der Keule wird das Schwert. Aus Dörfern werden Länder, in man Könige verehrt. Und aus dem Feuer rollt die Münze, dieses kleine runde Ding, gegossen aus dem selben Stoff wie die Rüstung und der Ring. Rollt immer schneller und sprüht Funken, befeuert die Kolonisation. Garniert mit etwas Zucker und Zivilisation.“

Und warum das alles? Ich zitiere aus dem Refrain:

„Hey, wo liegt das Paradies, in dem Milch und Honig fließt? Wir können&squot;s nicht erwarten. Hey, wo liegt das Paradies? Im Diesseits oder Jenseits, oder doch in Nachbar&squot;s Garten …?“

Einzig die eine Frage, die für mich noch besteht; ihr habt es sicher auch bemerkt, oder? Jemand muss mir erklären, warum diese Scheibe „Dampferjazz“ genannt wurde? Eine „Jazzscheibe“ ist das wohl nicht. Das kann ich wahrlich versprechen!

Ist eventuell Google schuld? Bestimmt! Denn wer den Bandnamen mal vergessen sollte, kann eine Suche mit der Wortkreation „Dampferjazz“ starten und sofort ein Alleinstellungsmerkmal für den Rückschluss auf den Bandnamen finden.

Oder es ist alles ganz anders - und man sollte, mit einem Augenzwinkern, Track 8 hören!

Übrigens: Die Aufnahmen sind durchweg sehr gut und passend produziert. Blockhaus Studio in Persona von Jürgen Block hat da sehr gute Arbeit geleistet. Denn gerade für Bands, deren Stärke ganz klar im Live-Auftritt liegt, ist das entscheidend. Wie auch immer; das Grinse-Gesicht ist garantiert.

Mehr Informationen:

https://www.hasenscheisse.com

MÄRZ 2021  Ralf Ilgner, Bochum

Karl die Große - Was wenn keiner lacht

„Ein farbenfrohes Album ohne Sicherheitsabstand“

mit dieser Überschrift preist der Promotext das neue Album „Was wenn keiner lacht“ der sechsköpfigen Leipziger Band Karl die Große an. Und das Album löst diese Ankündigung direkt vom ersten, eher skurilen Song an ein, mit einem entwaffnend ehrlichen Songwriting:

„…zu groß für’s Ballett, für die Klassik kein Gefühl, zu viel auf der Waage um einen Sprint zu gewinnen, nicht schön genug – das waren immer nur die Dünnen.“  

Melancholisch klingt die Sängerin und Songschreiberin Wencke Wollny durchaus, aber sie macht zugleich bescheiden klar, dass sie sich davon nicht ins Bockshorn jagen ließ, denn ihr Fazit folgt bald darauf:

„Das dicke Mädchen hat es den Berg hoch geschafft.“

Und das ist gut so, denn sonst würden wir ein Album entbehren müssen, das wunderbar ehrlich-intelligente Texte und musikalisch großes Spektrum an Farben versprüht. Zwischen vermeintlich leichtem Pop (Heute Nacht), partytauglichem Power-Pop (Zweifel), lyrischen Songs (Generation A) und fast schon abgedrehten Kompositionen mit überraschenden Wendungen - fast schon wie im Art-Rock der 70ziger (31.März) - ist alles Mögliche dabei. Eigentlich ein buntes Sammelsurium, bemerkenswerter Weise aber zusammengehalten durch Mut und Haltung.

Sängerin und Songschreiberin Wencke Wollny: „Der Gedankenanstoß zu diesem Album kam eines Nachts auf dem Heimweg: Was, wenn ich jetzt plötzlich umfiele? Hätte ich dann alles erledigt? Nein. Da läge noch ein wichtiges Liebeslied auf dem Schreibtisch. Und so wirklich ehrlich und geradeaus war ich in meinen Songs auch nicht immer. Da war immer ein Sicherheitsabstand zwischen HörerIn, Lied und mir. Daraufhin habe ich mir versprochen mutig zu sein, viel Neues zu lernen und geradeaus zu sagen, was ich denke.“

Mein persönlicher Favorit auf dem Album ist der großartige Song „Schmerz ohne Unfall“, der mich bei jedem Hören ganz besonders berührt. Interessant wie viele heiße Eisen unserer Zeit, ob Populismus, Klimawandel oder Generationengerechtigkeit, mit bewundernswerter Chuzpe angegangen werden.

Und trotz all diesem schweren Gepäck verliert Karl die Große dabei andere wichtign Aspekte nicht aus dem Blick: Spaß und Hörgenuß!


Mehr Informationen:  
www.karldiegrosse.de

FEB 2021  Fredi Hallauer, Bern

The Sparklettes - Mir Froue heis luschtig

The Sparklettes das sind vier Frauen, welche im Raum Bern wohnen und alle einen Hochschulabschluss in der Sparte Jazzgesang haben. Normalerweise singen die vier Frauen vor allem englischsprachige Songs aus der Sparte Jazz und Pop. In jedem Programm war ein Lied in Mundart, und sie merkten, dass das Publikum besser darauf reagierte, vor allem auf die Aussage. The Sparklettes wählen bewusst Lieder mit sozialrelevanten Aussagen, oft zum Thema Frauen.
So ist nun ein Album mit 17 Liedern entstanden, keines aus der eigenen Feder, aber alle selber arrangiert und eingerichtet für die vier Frauenstimmen. Zwei Lieder sind auf französisch und je eines auf italienisch und rätoromanisch. Von den restlichen dreizehn Liedern gibt eines ohne Worte (Ländlerkapelle nur Vokal) und eines auf Deutsch (von Sophie Hunger). Alle Lieder sind mit hoher musikalischer Qualität arrangiert aber auch mit Witz und dazu kommt, dass der Gesang vom Feinsten ist.

"Mir Froue heis luschtig“ (Wir Frauen haben es lustig) ist ein Volkslied, welches im Original "Mir Senne heis luschtig" heisst und sich auf das Sennenleben auf der Alp bezieht. In der Version von The Sparklettes geht es um das Leben der Frauen in urbanen Gebieten und die Arbeitsteilung, nur ist die Entlöhnung unterschiedlich. Ebenso abgeändert wurde "Grüeziwohl Frau Stirnimaa", ein grosser Hit der Folkgruppe The Minstrels aus den 60igern. Aber hier werden nicht nur die Begrüssungsplattitüden besungen, sondern auch die Antworten der geplagten Frau. "Aare" ist ein geniales Lied von Stiller Has und ein Highlight ist sicher "Swiss Birchermüesli Medley" in welchem etwa 36 Lieder aus der Schweizer Schlager und Pop Szene, aber auch Volkslieder so miteinander verwoben werden, dass es eine Art Gespräch gibt. "Anneli wo bisch geschter gsi", ein altes Volkslied stellt den Tratsch dar, wenn sich ein Mädchen im Dorf mit einem Mann traf. Es hat noch Lieder von Dabu Fantastic und Patent Ochsner mit dabei. Erwähnenswert ist das Medley mit Liedern zu Frauen von Mani Matter, teils in leicht veränderter Form oder das Medley mit Liedern von Arthur Beul, einem Liedkomponisten aus der Swingzeit, welches grosse Hits waren, welche meine Grossmutter noch sang. Die "Tubel Trophy" von Baby Jail, ist ein klares Lied gegen Rechts, was eigentlich immer wieder gesungen werden muss und die "Zuckerwattefrau" von Dieter Wiesmann, schildert das Leben einer Frau im Zirkus.  

Dieses Album ist einerseits gesellschaftsrelevant und politisch, macht aber zugleich auch Spass und man darf sich ebenfalls an der Musikalität erfreuen.
"Mir Froue heis luschtig“ ist etwas vom Besten und Originellsten, was in letzter Zeit aufgenommen wurde.


Mehr Informationen:  
www.sparklettes.ch

JAN 2021  Wolfgang Rumpf, Bremen

Marie Diot - Apfel im Strudel der ewigen Liebe

Schon der ins Absurde weisende Titel des Albums verspricht eine künstlerisch anspruchsvolle wie freche Mixtur aus eigenständigem Songwriting, das von einem späten Hauch Neuer Deutscher Welle-Pop-Romantik getragen wird. “Mitdenk-Indie-Pop“ nennt Marie Diot (auch der Künstlername von Julia Geusch ist ebenso wie der Albumtitel als Wortspiel zu lesen), die vom ihrem Begleiter Fabian Großberg sehr überzeugend begleitet wird, selbst ihren Stil. Etliche Auszeichnungen seit 2014 unterstreichen die Tatsache, dass sich das kreative Duo vollkommen einig ist. Der Sound ist entsprechend ausgegoren, warm und griffig und passt zu Marie Diots Texten, die – mal melancholisch, mal absurd-albern - von alltäglichen Merkwürdigkeiten und einigen Beziehungsirrtümer erzählen.


Im Eröffnungssong »Heizkörper« zum Beispiel geht es nicht etwa um den eisernen Wärmespender in der Wohnung, sondern um die Hitze, die der Geliebte verströmt:

Du siehst so heiß aus, du hast einen Heizkörper
Im Sommer nervt mich das sehr,
aber jetzt ist ja Dezember,
da liebe ich deinen Heizkörper, bitte komm wieder her.
Ich brauch dich nicht von April bis Oktober,
oder wenn doch, dann nur in Ausnahmen.
Färben sich draußen die Blätter zinnober
fang ich an, dich zu vermissen.


Während diese ironische Liebeserklärung musikalische Heiterkeit verströmt, geht es im nächsten Drama »Marius« und dem damit verknüpften »Loslassen« dieser Beziehung durchaus lyrisch, nachdenklich und bluesig zu, dieser Ton bestimmt auch »Mehr als 100 Blumensträuße«, während dann wieder knackige Bässe aus dem Sythi den Rhythmus vorgeben. Ein Trip durch Paris macht dann Station bei dynamischem Swing, bei »Auf andere schießen« weist die a-capella-Gesangsspur in Richtung "Die Prinzen". Apropos Gesang. Marie Diot präsentiert die 13 Songs sehr ruhig, unaufgeregt, cool, nah am Mikrofon, so dass eine intime, suggestive Erzählform entsteht.

Mitunter verlassen die Songs den Boden nachvollziehbarer Alltagsspots und fantasieren sich in andere Welten wie in der Bildbetrachtung »Delfinbeobachtung« oder im medizinischen Grundkurs »Allergisches Asthma«, Generalthema bleibt indes die Liebe und ihre Verwirrspiele. Plus dabei: Alle Songs glänzen durch überraschende Harmoniefolgen, satte Refrains und originelle Arrangements. Der »Apfel im Strudel der ewigen Liebe« präsentiert auch im Booklet freche Fotos und künstlerische Posen (mit Mini-Keyboard, Gitarre und Staubsauger), die den Charakter des Gesamtkunstwerks des jungen Duos Geusch/Großberg überzeugend untermalen getreu dem Motto: Das Leben ist alles andere als richtig normal.

Mehr Informationen:
https://www.mariediot.com/

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