Persönliche Empfehlung Album

Reihum gibt eine/r der JurorInnen in dieser Rubrik ihre/seine persönliche Empfehlung für ein Album ab und begründet diese schriftlich.

APR 2020  Katja Klüßendorf, Berlin

DOTA - Kaléko

Dota Kehr, Frontfrau der Band DOTA, singt auf »KALÉKO« erstmals keine selbstgeschriebenen Texte, sondern nimmt sich der Poesie der deutschsprachigen Dichterin Mascha Kaléko (1907-1975) musikalisch an. Emigrantin von Kind an, wurde »Zur Heimat erkor ich mir die Liebe« nicht nur eine Verszeile, sondern gelebte Maxime Kalékos. Ihre Gedichte sind voller Verspieltheit, satirischer Schärfe und Sprachwitz, doch es kommt ein Sehnen hinzu, eine zarte Zerbrechlichkeit, die einen sprachlos machen kann. Damit passt ihre Dichtkunst der Liedermacherin Dota Kehr wie angegossen. Dazu hat sich Dota einige jüngere und ältere Musikerkollegen als Duett-Partner ins Studio geholt.

„Eines Morgens wachst Du auf und bist nicht mehr am Leben. Über Nacht, wie Schnee und Frost, hat es sich begeben“, singt Dota etwa im Duett mit Francesco Wilking (Die Höchste Eisenbahn) die Zeile aus dem Gedicht »Ein Sogenannter Schoener Tod« auf eine wunderbar liebliche Melodie. Besonders anrührend ist die Vertonung von „Auf Eine Leierkastenmelodie“ über das verpasste Glück einer Liebe, welches sie zusammen mit Altmeister Hannes Wader singt. Weitere Duett-Partner sind Max Prosa, Uta Köbernick, Konstantin Wecker, Karl Die Große, Felix Meyer sowie Alin Coen, welche - mit einer noch zarteren Stimme als Dota - im Duett »Einem Kinde im Dunkeln« zur guten Nacht singt.

Dotas neues Album hat einen jazzigeren, akustischeren und um markante Akzente von Akkordeon, Tuba und Trompete bereicherten Sound. Nicht zuletzt durch Janis Göhrlich, der sich in der Underground Jazz Szene mittlerweile einen Namen als Komponist gemacht und für »KALÉKO« drei sehr atmosphärische Titel komponiert hat, welcher der Lyrik Mascha Kalékos als instrumentale Zwischenspiele dienen. Mit dem Album zeigt die Band, dass sie auch Komposition und Arrangement hervorragend beherrschen.

Mehr Informationen: www.kleingeldprinzessin.de

MÄRZ 2020  Wolfgang Rumpf, Bremen

Mackefisch - Brot und Glitzer

Schon das auf dem Booklet abgebildete Sammelsurium von Instrumenten (von der Melodica über 'Percussionsklimbim' bis zur 'Lumpete') macht neugierig, was für einen Sound das Duo daraus herzustellen vermag.

Lucie Mackert (Schauspielerin und Liedermacherin) ist für Gesang, Gitarre und diverse andere instrumentale Kuriositäten zuständig, Peter Fischer (Liedermacher und Kabarettist) singt und spielt Klavier. Beide verschmelzen zur Miniband Mackefisch und bieten einen spritzig swingenden Cocktail, der musikalisch harmoniert und auch sprachlich einiges wagt, denn die beiden wagen sich aus der oft strapazierten Weltschmerz- und Klimakatastrofen-Attitüde heraus.

Diese 13 Songs machen neben aller notwendigen Gesellschaftskritik auch Spaß, wenn es um den oft beschworenen 'Tanz auf dem Vulkan' geht:„Sagst du: Tanz mit mir in den Untergang! Und an dir ist so viel Glitzer dran. Und die Geigen zupfen den Größenwahn, weil man sich dazu so schön entblößen kann. Also tanz ich mit dir eine Runde und die Welt geht vor die Hunde“ heißt es im fröhlichen Drei-Viertel-Takt-Eröffnungsong 'Der Größenwalzer'. Der heitere Grundton der Lieder wird durch durchaus politische Texte konterkariert oder ironisch gebrochen: So geht es in 'Pure Ironie' um seltsame wie widersprüchliche Karrieren, in 'Brot' um die eigene Künstlerexistenz, die aufs Korn genommen wird. Zwischendurch steht wie in 'Rakete' auch verspielter Nonsens im 40er- Jahre Swingstil auf dem Programm:“Ich vergrabe die Rakete in Gänseleberpastete. Weil ich beides nicht mehr will, und dann ist es endlich still.“

Das Duo Mackefisch swingt locker durch dieses Album und verleiht den Untiefen und Absurditäten des Alltags wirklich ein wenig Glitzer.

Mehr Informationen: www.mackefisch.de

FEB 2020  Michael Lohse, Köln

André Heller - Spätes Leuchten

Kann man diesen Mann noch ernst nehmen, der sich 1984 ein für alle Mal von seiner Schallplattenkarriere verabschiedet hatte? Im Vorwort zu seiner „Kritischen Gesamtausgabe“ genannten retrospektiven CD-Box bemerkte er dazu 1991 unbescheiden: „Ich wusste, dass ich im deutschen Sprachraum konkurrenzlos war und meine Zeit besser für Abenteuer nutzen sollte, von denen ich Wesentliches lernen würde.“ Und so kehrte er dem Plattenstudio den Rücken zu, wie er sich zuvor schon von der Bühne verabschiedet hatte. Und er hat sich tatsächlich drangehalten. Abgesehen von ein paar neuen Liedern, die er hier und da einem Sampler beifügte, seit bald 40 Jahren – nichts. 

Dafür hat er andere Herausforderungen gesucht – oder „Verwirklichungen“, wie er es gern nennt: einen Zirkus gegründet, Gärten angelegt, Feuerwerke inszeniert, Artistenshows initiiert, Kristallwelten geschaffen, Dokumentarfilme gemacht, Romane und Erzählungen geschrieben. Zuletzt das wunderbare „Buch vom Süden“, in dem er verschlüsselt die Phasen seines Werdens Revue passieren ließ und den exaltierten Innenwelten des André Heller sprachlich virtuos ein Denkmal setzte.

Als „großen Adieu-Sager“ hat sich Heller einmal bezeichnet. Er sei niemand, der sich an die Routine des „Immer weiter“ klammert, sondern lieber stets zu neuen Ufern aufbricht. Warum dann also jetzt der „Rückfall“ in eine alte Phase seines Lebens?

„Spätes Leuchten“ – ein Album mit sechzehn nagelneuen Songs. Das ist eine Sensation, mit der wohl kaum jemand gerechnet hat. Und genau das dürfte für Heller der Reiz gewesen sein: überraschend zu bleiben für sich und andere. Nicht still zu stehen, sondern im lebendigen Wandel begriffen zu sein.

„Was schert mich mein Geschwätz von gestern“, wird sich Heller frei nach Adenauer gedacht haben. Und das ist ein Glück. Denn André Heller klingt auf dem Album so, als wäre er nie weg gewesen: diese nah ins Mikro gehauchten poetischen Botschaften. Dieser brüchige Sprechgesang, der so leicht zu parodieren ist. Doch die Kabarettisten haben sich ausgetobt. Die Häme über den vermeintlich Arroganten, das Stirnrunzeln bei jeder Nennung von Hellers Namen sind passé. Geblieben sind Bewunderung und Dankbarkeit für eine Stimme, die – man darf das ruhig so pathetisch sagen in diesen Tagen – das bessere Österreich verkörpert. Viele jüngere österreichische Musiker und Liedermacher haben Heller längst für sich entdeckt und auch auf dem Album mitgewirkt, ob der „Nino aus Wien“ oder der in England lebende Robert Rotifer. Er hat „Spätes Leuchten“ produziert, das teils in Hellers Wiener Wohnung teils im Studio in London aufgenommen wurde. Dabei hat er dem Album all die Sorgfalt angedeihen lassen, die einem musikalischen Testament gebührt. Und nichts anderes sind die sechzehn Lieder: eine retrospektive Reise durch Hellers autobiografische Klangwelten, ein akustisches Museum seines so facettenreichen Lebens. Da mischen sich Orient und Okzident, Klezmer und Wiener Walzer. Da trifft Schubertlied auf Bob Dylan und Tom Waits.

Es beginnt mit dem genialen poetischen Selbstporträt „Alles in allem“, wo Heller die Zeilen singt: „Ja, wir fliegen hoch, und wir fallen tief, aber häufiger fallen wir hinauf, denn die Götterlieblinge sind verwöhnt und gewinnen viele Spiele.“

Ja, er hat viele Spiele gewonnen: der Götterliebling Heller. Auch „Spätes Leuchten“ darf von ihm als Sieg verbucht werden. Stets hat es der Charismatiker verstanden, die richtigen Leute um sich zu versammeln, um seine künstlerischen und musikalischen Ideen Wirklichkeit werden zu lassen. Früher war es vor allem Robert Opratko, der mit seinen Kompositionen und Orchester-Arrangements für den markanten Nostalgie-Sound vieler Produktionen verantwortlich zeichnete. Aber auch internationale Stars holte Heller sich ins Studio: ob Chaka Khan, Joe Henderson, Freddie Hubbard oder Astor Piazzolla.

Im aktuellen Fall halfen ihm unter anderem der Jazzpianist Martin Klein, der Trompeter Herbert Pixner, der Akkordeonspieler Walther Soyka und die persische Sängerin Golnar Shahyar.

Sie ist es auch, die mit ihren powervollen Koloraturen den zweiten Song veredelt: „Mutter sagt“. Heller verarbeitet darin den Tod der Mutter, die mit über 100 Jahren starb. Hysterisch bricht seine Stimme, wenn er erzählt, wie seine Mutter sich nach einem langen Leben auf die Begegnung mit dem Qui Qui – dem Wiener Tod – vorbereitet.

Der ganze Heller-Kosmos darf sich noch einmal entfalten auf „Spätes Leuchten“, diese bittersüße Mischung aus Ekstase und Melancholie. In einem Moment feiert er das Fest des Lebens, intoniert in großer, fröhlicher Runde die Hymne „Papirossi“. Im nächsten Augenblick packt Verstörung den Sohn eines Juden, tauchen aus den Tiefen die Gespenster der mörderischen NS-Zeit auf: „Häufig greift das Bleierne nach den Wiener Judenkindern“.

Heller erweist Schlüsselerlebnissen seines Lebens die Referenz: Das können Künstler sein wie Elvis in „Maybe it’s true“ oder Virginia Woolf in „My river“. Und das können Orte sein: seine Geburtsstadt Wien natürlich, der er in alter Hassliebe verbunden ist („Heldenplatz“), Italien, wo er lange ein Haus am Gardasee bewohnte („Venedig“), und seine aktuelle Wahlheimat Marokko („Marrakesch“). Auf dem Track riecht man förmlich die Garküchen vom Platz Djemaa El Fna, während die Trommeln dröhnen und die Stimme von Golnar Shahyar zaubert. Darüber rezitiert der Magier Heller seine autosuggestive Beschwörungsformel: „Ich bin in meinem Element in Marrakesch, in Marrakesch, in Marrakesch.“ Zwischen Marrakesch und Hohem Atlas hat er sich ein Haus gebaut und einen Park namens „Anima“ anlegen lassen, der übrigens besichtigt werden kann und auch schon zur Touristensensation geworden ist. Es scheint als sei der ewig Rastlose und Umtriebige dort endlich angekommen. Genauso gut möglich aber, dass auch das Orientabenteuer nur eine weitere Episode seiner Verwandlungen ist. Schön jedenfalls, dass Heller, dieser Prophet der leisen Töne, uns darbenden Jüngern in den kalten Städten des Nordens aus seinem südlichen Exil jetzt ein „spätes Leuchten“ der Klänge hat zukommen lassen…


Mehr Informationen:  www.andreheller.com

JAN 2020  Uwe Thorstensen, Halle/Saale

Pàkos: Engel (Rainer Maria Rilke - betönte Gedichte)


Bernd Pakosch ist mit seiner Musik nun schon über 15 Jahre unterwegs und tritt als Solist und im Rahmen verschiedener Projekte auf. Kein Unbekannter mehr dürfte er dabei vor allem Zuhörern im Raum Meißen, Dresden und Leipzig sein. War er bisher nur auf Youtube oder Sound Cloud zu hören, liegt nun seine erste eigene CD vor, von der er selbst sagt, dass er darüber sehr glücklich sei. Und in der Tat kann sich das Werk wirklich sehen lassen. 

Schaut man sich einmal die Texte im Booklet der CD an, die hier zur Auswahl kamen, so wird man sofort feststellen, dass es nicht ganz so einfach gewesen sein dürfte, hier und da die richtige Melodie auf das ein oder andere Gedicht zu finden. Pàkos ist hier aber eine großartige Umsetzung in der Vertonung gelungen. Denn bereits das erste Stück  „Wilkommen - Abend“ macht Lust, sich der CD mehr zu widmen und einfach weiter und tiefer hinein zu hören. Sehr angenehm fällt hierbei auf, dass die untermalenden musikalischen Mittel sehr behutsam zum Einsatz kommen. Die Stimme steht im Vordergrund, was sie auch soll und was man von so mancher heute produzierten Scheibe leider nicht sagen kann. Die erklingenden Instrumente greifen filigran ineinander und sind gut aufeinander abgestimmt. Gut erleben lässt sich dies gerade bei den Stücken „Die Liebende“ oder „Empfange nun von manchem Zweig ein Winken“.

Rund herum kann man dem Schöpfer wohl nur zusprechen, dass ihm hier eine wirklich durchweg runde Produktion gelungen ist, die man Liebhabern vertonter Lyrik nur wärmstens ans Herz legen kann. So war es dann auch nicht verwunderlich, dass der Verfasser von dieser CD begeistert war.


Mehr Informationen:
www.facebook.com/pakoslieder

Die Top 20 der
deutschsprachigen
Liedermacher

Jeden Monat aktuell