Persönliche Empfehlung Lied

Reihum gibt eine/r der JurorInnen in dieser Rubrik ihre/seine persönliche Empfehlung für ein Lied ab und begründet diese schriftlich.

MÄRZ 2021  Katja Klüßendorf, Berlin

Brandão, Faber, Hunger - Hoffnigslos Hoffnigslos

Die Schweizer Musiker Faber, Sophie Hunger und Dino Brandão veröffentlichten am 11. Dezember 2020 mit „Ich liebe Dich“, ihrem ersten gemeinsamen Studioalbum, das zwölf Eigenkompositionen auf Mundart umfasst, ein grandioses Liebesmanifest. Es ist vor allem ihr dramatisch-romantischer Stil, der die drei musikalisch verbindet. Das Ganze sei ein Versuch, sagen sie, die Liebe und den Satz aller Sätze in Mundart zu singen - und das auch auszuhalten. Das muss man erst einmal können. Alle Lieder kommen sehr unmittelbar und fragil daher: sie sind minimalistisch instrumentiert, zu Gitarre, Klavier, Bass und Schlagzeug kommen in manchen Stücken Streicher hinzu. Das Schwizerdütsch scheint ein Stück ihres Selbst unverstellt freizulegen, intim und verletzlich..

„Ich liebe dich“, diese drei Worte geben viel Raum für die Facetten der Liebe. Liebe als Schicksal, als Revolution, als Rettung, als Trunkenheit, als Laune, als Offenbarung - oder als Mangel, wie in „Hoffnigslos hoffnigslos“ aus der Feder Fabers, ein Liebeslied über unerfüllte Liebe und die Trostlosigkeit in diesem Leben in einer kalten Gesellschaft. So schwer genug es ist, all die Entbehrungen in Zeiten der Coronapandemie zu ertragen, schafft es dieser Song, nochmal einen oben drauf zu geben.

Ich muss zrugg id Zuekunft
Ich mein nöd de Film
Min Film isch en andere und du füersch Regie
Aber Kinos sind gschlosse
Kei Pärli am schmuse
Ich fühl mi so nüchtern
Und all sind am suufe


In selbstironischer Schwermut singt Faber mit hoffnungsloser Sehnsucht.

De Summer isch abgseit
Ich ha alles probiert
Ich gumpe vom Sprungbrett
Ines Tüüfdruckgebiet

Ez bis nöd so dramatisch und hör mal uf hüüle
Die Stadt isch so chalt
da wür en Iisbär erfrüre
Fahred zum Tüfel ich gah hei

Doch dehei warted nüt uf mich


Nüt. Nicht nur, dass niemand zu Hause auf einen wartet, sondern nichts. Scheinbar endlose zwei Minuten stimmen Sophie Hunger und Dino Brandão mit Faber verzweifelt mit ein, „nei dehei warted nüt uf mich“. Ja, das muss man aushalten können. Aber es ist wunderschön.


Weitere Informationen:
https://www.twogentlemen.net/artists/782

FEB 2021  Dieter Kindl, Kassel

Caro Kiste Kontrabass - Genug

„Caro Kiste Kontrabass heben sich wohltuend von dem ab, was in den etablierten Medien alltäglich musikalisch geboten wird. Da ist noch einiges möglich auf der nach oben offenen Liederskala“, hieß es unter anderem in der Begründung als das Trio 2012 mit dem Förderpreis der Liederbestenliste ausgezeichnet wurde.

Nach ihrem 2012er Debut "In der Nähe der Zufriedenheit" und dem 2017 erschienenen Zweitwerk "Fahrlässige Poesie" hat sich die Combo eine Kreativpause gegönnt. 2020 sollte es wieder losgehen mit Konzerten und der Arbeit an neuen Songs. Dann kam Corona. „Die Pandemie [...] hat [...] verhindert, dass wir uns zu dritt treffen und das tun können, was uns so am Herzen liegt: Proben, Jammen, Rumkaspern und neue Lieder austüfteln“, kann man auf ihrer Webseite lesen.

Im Sommer haben die Drei „mit Abstand und weit, weit offenen Fenstern und Türen“ einen neuen Song aufgenommen. "Genug" kommt als Slow Blues daher und wirkt fast schon tiefenentspannt. Inhaltlich geht es um Themen wie Klimakatastrophe, Cyber-Mobbing oder Verschwörungstheorien. Themen, die durch die weltweite Pandemie verstärkt in den Mittelpunkt gerückt sind. Viele geben angesichts der vielfältigen Probleme in der Gesellschaft auf - sie haben genug! So könnte man dieses Lied von Caro Kiste Kontrabass verstehen. Wäre da nicht der Refrain:.

Aber du bist jeden Tag genug, dass ich‘s versuchen will
Du bist jeden Tag genug, dass ich‘s versuchen will
Du bist jeden Tag genug, dass ich‘s versuchen will
Mein Trotz und Trost, mein goldnes Los, mein Strohhalmfloß


"Genug" von Caro Kiste Kontrabass macht auf Missstände aufmerksam, fordert zum Nachdenken und Handeln auf und ist obendrein noch eine Liebeserklärung. Für mich ist "Genug" einer der Songs, die zu Recht ihren Weg in die Liederbestenliste gefunden haben.


Weitere Informationen:
www.carokistekontrabass.de

JAN 2021  Dieter Kindl, Kassel

Feli: Schmerzbefreit

Auf Stein sitzt er so da und zupft an seinem Bart
und starrt Löcher in die Vergangenheit
Die Stufen vorm Döner sind ziemlich hart
doch da isser inzwischen ziemlich schmerzbefreit
Da hatt er sich ne Hinternhornhaut angesessen


So lauten die ersten Zeilen des Songs »Schmerzbefreit« aus der Feder der Liedermacherin Feli. Sie selbst bezeichnet sich auch gern als Chansonnière. Genau in diesem Spektrum sind auch die Lieder ihres zweiten Albums »Perlmutt« anzusiedeln. Darauf erzählt sie über das, was so vorkommt im Leben. Da geht es um Heimat und Gefühle, Gott und Liebe, innere Werte und äußere Umstände. Dabei begleitet sie sich selbst auf der Gitarre oder dem Akkordeon.

Feli, bürgerlich Karla Feles, ist "geboren im Westen, hat studiert im Süden und Heimat gefunden im Norden." So steht es auf ihrer Visitenkarte. Musik hat sie das ganze Leben lang begleitet. Irgendwann kam der Zeitpunkt, wo sie Lust verspürte "selber Lieder zu machen." Seit der Pensionierung hat die ehemalige Kunstlehrerin mehr Zeit dafür und ist seit einigen Jahren auf den Klein- und Kleinstkunstbühnen zuhause, was ihr u.a. den Titel "Grande Dame der Hamburger Openstage Szene" einbrachte.

Feli singt hauptsächlich von sich selbst, von den Erfahrungen in ihrem Leben. Damit berührt sie, weil es jedem Menschen so oder so ähnlich schon passiert ist. Oder passieren könnte, wie in dem Song »Schmerzbefreit«, der von Jemandem erzählt, der aus irgendeinem Grund gestrauchelt und nun ohne Obdach ist.

Und ab da hatter irgendwie im Leben gar nix mehr gerissen
Ohne Wohnung, ohne Job, ohne Geld machte er dann halt Platte
[...]
Da ist das letzte bisschen Menschenwürde auch noch weg
Und du fragst dich nicht mehr, ob dir dein Leben gefällt
und machst weiter, bettelst um Essen und Geld

Die Wahlhamburgerin hat für dieses Stück das Akkordeon als Begleitinstrument gewählt, welches ihren Sprechgesang akzentuiert unterstützt. Und was da zu hören ist, klingt authentisch und glaubwürdig und zeugt von feinsinniger Beobachtungsgabe und Empathie.

Feli schafft es mit diesem Song, Menschen für das Thema Obdachlosigkeit zu sensibilisieren. In Zeiten der Corona-Pandemie ist das wichtiger denn je.


Weitere Informationen:
https://www.facebook.com/karla.feles

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