Persönliche Empfehlung Lied

Reihum gibt eine/r der JurorInnen in dieser Rubrik ihre/seine persönliche Empfehlung für ein Lied ab und begründet diese schriftlich.

JULI 2021  Wolfgang Rumpf, Bremen

Dominik Merscheid - Flohmarkt

Liedermacher Dominik Merscheid ist im Genre 'Kinderlieder' zuhause,  bietet aber auf seinem aktuellen Album auch Songs und Lieder, die durchaus für Erwachsene geeignet sind, da sie nicht nur mit dem nötigen Ernst, sondern auch mit einer Prise Ironie und Lust am Wortspiel ausgeschmückt wurden. Er sagt selbst, dass seine Lieder aus der Sicht eines Erwachsenen entstehen, der sein 'kreatives inneres Kind' nicht vergessen hat.

So lädt der Up-Tempo-Song 'Flohmarkt' zu einem launigen Spaziergang über irgendeinen Trödelmarkt dieser Welt ein. Im Refrain spielt der Künstler, der seit fünf Jahren als Sprecher, Komponist und Geräuschemacher in theatralen Lesungen mit dem Comiczeichner Ferdinand Lutz unterwegs ist, mit Textbausteinen, wenn es heißt:

„Leute, kommt und schaut, was euch gefällt!
Sie verkauft es euch für wenig Geld!
Bis heut' Abend will sie alles los sein,
besonders dieses rosa Schwein!“  

Im nächsten Refrain wird aus dem 'rosa Schwein' eine 'Dose Schleim' oder gar ein 'Klo-Stein' oder am Ende ein großes 'Nein', das er dann aber doch nicht herausgibt. Musikalisch beschreibt er diesen Rundgang so bunt und temporeich wie der Trödel selbst auf den Flaneur wirkt, 'Flohmarkt' klingt mal nach Zirkusmanege und Rummelplatz, flicht witzige Call and Response-Passagen ein und schwingt sich dann zu einem hymnischen Zwischenspiel auf, das an amerikanische Vorbilder (Billy Joel) erinnert.

Dominik Merscheid hat alle Songs zuhause in Windeck im Rhein-Sieg-Kreis komponiert, getextet, im Homestudio aufgenommen und gemischt, folgerichtig sieht man ihn auf dem Cover inmitten seines Instrumentariums aus Gitarre, Bass, Xylophon, kleinen Keyboards, einer Trommel und einem alten Radioapparat sitzen – ein Bild, das sowohl sein Songwriting als auch die Produktion des Albums in Eigenregie exakt beschreibt.


Weitere Informationen:

dominikmerscheid.de

JUNI 2021  Hans Reul, Eupen

DOTA - Keine Zeit

Vor ziemlich genau einem Jahr veröffentlichte DOTA mit prominenter Unterstützung (unter anderem Hannes Wader und Konstantin Wecker) ihr großartiges Album mit Vertonungen der Poesie der 1930er Jahre-Großstadtlyrikerin Mascha Kaleko. Und jetzt folgt schon ihr neues Doppelalbum: „Wir rufen dich, Galaktika“.

Die meisten der über 20 Songs sind fein arrangierte Liebeslieder, oft melancholisch in Text und musikalischer Umsetzung, dabei immer den passenden Ton treffend, poppig ohne anbiedernd zu sein und von der allgemein um sich greifenden Betroffenheitslyrik glücklicherweise meilenweit entfernt. So gut und auf den Punkt gebracht kann also Deutschpop sein.

Die meisten der Lieder sind in der Corona-Pandemie-Zeit entstanden. Man gewinnt den Eindruck, dass viele Lieder der Spiegel eines Rückzugs ins Private sind. Lag dies an der neu gewonnen Zeit ohne Konzertauftritte? Wer weiß?  Aber es finden sich auch einige etwas ältere Texte auf der Doppel-CD, so auch das Lied, das ich empfehlen möchte: „Keine Zeit“.

Es ist das politisch konkreteste Lied auf dieser CD, geschrieben für die „Fridays for Futures“-Bewegung und bei deren Demos auch schon von Dota und Band live gespielt. Als dies noch möglich war. Dota analysiert auf ihre so typische, fast schon ein wenig lakonisch wirkende Art zu singen, die Situation. Hinter uns liegen Jahre vertaner Zeit und fehlender Taten. Alles Lamentieren über sterbende Arten und Meere nutzt nichts mehr, jetzt noch die Frage stellen Verzicht oder später Vernichtung ist keine Wahl.

Sicher, manch einem mag der Text in seiner einfachen und direkten Sprache fast ein wenig banal erscheinen. Die verlachen auch die streikenden Schüler als unvernünftig, aber einzig unvernünftig ist es, jetzt einfach so weiterzumachen.

DOTA hat es immer verstanden den Protestsong vermeintlich leichtgewichtig rüberzubringen, wie vor einigen Jahren in „Grenzen“. Mit „Keine Zeit“ setzt sie wieder ein Zeichen, denn jetzt ist Schadensbegrenzung noch möglich, doch dafür muss sich sehr vieles ändern. Und jetzt fängt es an.


Weitere Informationen:
kleingeldprinzessin.de

MAI 2021  Dieter Kindl, Kassel

Linda und die lauten Bräute - Die Bäckerei

Am Anfang stand ein Telefonat. Dann noch ein paar weitere. Einen Monat später stand eine „Gruppe junger, wilder Liedermachender“ in der Kulturfabrik Hoyerswerda auf der Bühne, um ein Lied von Gerhard Gundermann anlässlich dessen 20. Todestages zu singen.

»Linda und die lauten Bräute« nennt sich die Formation und macht nun schon seit fast drei Jahren gemeinsame Sache. »Nachtmusik aus'm Tagebau« nennt sich ihr Programm, in dem sie Lieder von Gundermann als auch eigene Kompositionen präsentieren. Hinter dem Projekt mit dem ungewöhnlichen Namen verbergen sich Mitglieder der Bands Hasenscheisse, Lari und die Pausenmusik und Schnaps im Silbersee sowie Axel Stiller und zu guter Letzt Linda Gundermann. Ein Lied, dass ihr Vater ihr gewidmet hat, stand denn auch Pate bei der Namensfindung der Band.

Als sich die nächste Gundermann-Generation ankündigte, beschlossen die Musiker dem zukünftigen Erdenbürger ein Lied mit auf den Weg zu geben: „Die Bäckerei“.

Axel Stiller, der diesen Song geschrieben hat, erzählt darin über das Schicksal der „Menschlein“. Ursprünglich selbst Produzent von Waren, haben diesen Job nun Maschinen übernommen, die „Menschlein“ werden zu Konsumenten degradiert. Das einzige was zählt, ist wirtschaftlicher Wachstum - trotz all der vielfältiger Probleme, die damit einhergehen und letztendlich die Existenz aller Erdenbewohner bedrohen. Wie dem zu begegnen ist? Die Antwort ist eigentlich sehr einfach:

    so stellt sich mir zum schluss die frage nach dem sinn des ganzen
    und ob es sinnvoll und vernünftig ist, auf dieser hochzeit noch zu tanzen
    anstatt den bauplan zu besorgen und zwei, drei rädchen zu blockier'n
    ich glaub, das arme kleine menschlein, hätte recht wenig zu verlier'n 

    es geht nicht um dein stück vom kuchen
    und doch wir brauchen dich dabei
    geht drum was besseres zu suchen
    es geht um die ganze bäckerei.

Musikalisch kommt diese Botschaft als Uptempo-Nummer daher, dessen treibender Rhythmus bis zum Ende beibehalten wird. Die Instrumentierung ist einfach gehalten: Bass, Cajón, mehrere Gitarren, eine hinreißende Geige und toller mehrstimmiger Gesang bilden ein gelungenes Ganzes. Oder andersrum gesagt: Gundermann 2.0 lässt grüßen ...


Weitere Informationen:

lindaunddielautenbraeute.de

APR 2021  Michael Laages, Hannover

Gerulf Pannach - Leibzscher Messe



Innerhalb dieser Musik aus der Schatzkiste der alten DDR, die das Ostberliner Buschfunk- Label vorlegt mit Gerulf Pannachs Live-Aufnahmen aus der Mitte der 70er Jahre, ist die Geschichte vom Gerummel und Getrubel zweimal jährlich zur Messe in Leipzig die schillerndste Perle – das Lied, in dem Gerulf Pannach erzählt von all dem, was es an Warenangebot plötzlich gibt für ein paar Tage (und für die Gäste aus dem Westen) und danach gleich wieder nicht (weil die Wessies ja wieder weg sind), ist 1975 beim Liedermacher- und Songpoetenfreund Christian Kunert zu Hause entstanden. Und es fällt obendrein aus dem Rahmen, weil Pannach hier nicht zur Gitarre, sondern zur Quetsche singt: zum Akkordeon.

Das klingt ein wenig nach Jahrmarkt und Budenzauber und tut gerade deutschen Liedern immer gut; nicht umsonst gab’s auch Song-Geschichten von Wolf Biermann in jener Zeit, die auf diese Weise klangveredelt wurden.

Biermanns Ausbürgerung steht noch bevor, als Freund und Kollege Pannach 1975 in Delitzsch singt oder im Jahr davor an der Technischen Hochschule in Karl-Marx-Stadt (heute wieder Chemnitz), und der Twen aus Arnsdorf bei Dresden singt sogar Biermanns deutsche Fassung von Carlos Pueblas „Che Guevara“-Hymne... Pannach und Kunert, Biermann und (auch als Lied-Autor) Jürgen Fuchs markieren eine Art aufmüpfiger Widerstandszelle auf der ganzen CD; was da gesagt und gesungen wurde, sollte im alten Osten eigentlich nie vergessen werden – wird aber vergessen.

Wie der ausgestellte Messe-Irrsinn im alten Leipzig, von dem Pannach im letzten Lied der CD erzählt: im Gassenhauer-Ton spätmittelalterlicher Balladen-Barden. Und dazu dürfen sich Hörerin und Hörer gern vorstellen, dass auf der Rückwand vom Leiterwagen illustrierte Moritaten gezeigt werden ... herrlich! Mit diesem wunderschönen Finale öffnet der politische Unruhestifter Pannach den Horizont weit über die kleine, chronisch herunterkommende DDR hinaus – mit dem Blick in die Geschichte deutscher Unterdrückung, der viele Jahrhunderte umfasst. Der freche Freigeist stellt sich hier gegen jeden bürgerlichen Biedersinn, der sich mit dem Zuckerbrot zufrieden gibt, bevor die Peitsche saust.

Von der „Leibzscher Messe“ damals erzählt dieser sehr besondere, schon 1998, im 50. Lebensjahr und also viel zu früh verstorbene Lieder-Sänger wie von einem großen, historisch-deutschen Panorama: hundsgemütlich und brandgefährlich.

Weitere Informationen:
https://verlag.buschfunk.com

MÄRZ 2021  Katja Klüßendorf, Berlin

Brandão, Faber, Hunger - Hoffnigslos Hoffnigslos

Die Schweizer Musiker Faber, Sophie Hunger und Dino Brandão veröffentlichten am 11. Dezember 2020 mit „Ich liebe Dich“, ihrem ersten gemeinsamen Studioalbum, das zwölf Eigenkompositionen auf Mundart umfasst, ein grandioses Liebesmanifest. Es ist vor allem ihr dramatisch-romantischer Stil, der die drei musikalisch verbindet. Das Ganze sei ein Versuch, sagen sie, die Liebe und den Satz aller Sätze in Mundart zu singen - und das auch auszuhalten. Das muss man erst einmal können. Alle Lieder kommen sehr unmittelbar und fragil daher: sie sind minimalistisch instrumentiert, zu Gitarre, Klavier, Bass und Schlagzeug kommen in manchen Stücken Streicher hinzu. Das Schwizerdütsch scheint ein Stück ihres Selbst unverstellt freizulegen, intim und verletzlich..

„Ich liebe dich“, diese drei Worte geben viel Raum für die Facetten der Liebe. Liebe als Schicksal, als Revolution, als Rettung, als Trunkenheit, als Laune, als Offenbarung - oder als Mangel, wie in „Hoffnigslos hoffnigslos“ aus der Feder Fabers, ein Liebeslied über unerfüllte Liebe und die Trostlosigkeit in diesem Leben in einer kalten Gesellschaft. So schwer genug es ist, all die Entbehrungen in Zeiten der Coronapandemie zu ertragen, schafft es dieser Song, nochmal einen oben drauf zu geben.

Ich muss zrugg id Zuekunft
Ich mein nöd de Film
Min Film isch en andere und du füersch Regie
Aber Kinos sind gschlosse
Kei Pärli am schmuse
Ich fühl mi so nüchtern
Und all sind am suufe


In selbstironischer Schwermut singt Faber mit hoffnungsloser Sehnsucht.

De Summer isch abgseit
Ich ha alles probiert
Ich gumpe vom Sprungbrett
Ines Tüüfdruckgebiet

Ez bis nöd so dramatisch und hör mal uf hüüle
Die Stadt isch so chalt
da wür en Iisbär erfrüre
Fahred zum Tüfel ich gah hei

Doch dehei warted nüt uf mich


Nüt. Nicht nur, dass niemand zu Hause auf einen wartet, sondern nichts. Scheinbar endlose zwei Minuten stimmen Sophie Hunger und Dino Brandão mit Faber verzweifelt mit ein, „nei dehei warted nüt uf mich“. Ja, das muss man aushalten können. Aber es ist wunderschön.


Weitere Informationen:
https://www.twogentlemen.net/artists/782

FEB 2021  Dieter Kindl, Kassel

Caro Kiste Kontrabass - Genug

„Caro Kiste Kontrabass heben sich wohltuend von dem ab, was in den etablierten Medien alltäglich musikalisch geboten wird. Da ist noch einiges möglich auf der nach oben offenen Liederskala“, hieß es unter anderem in der Begründung als das Trio 2012 mit dem Förderpreis der Liederbestenliste ausgezeichnet wurde.

Nach ihrem 2012er Debut "In der Nähe der Zufriedenheit" und dem 2017 erschienenen Zweitwerk "Fahrlässige Poesie" hat sich die Combo eine Kreativpause gegönnt. 2020 sollte es wieder losgehen mit Konzerten und der Arbeit an neuen Songs. Dann kam Corona. „Die Pandemie [...] hat [...] verhindert, dass wir uns zu dritt treffen und das tun können, was uns so am Herzen liegt: Proben, Jammen, Rumkaspern und neue Lieder austüfteln“, kann man auf ihrer Webseite lesen.

Im Sommer haben die Drei „mit Abstand und weit, weit offenen Fenstern und Türen“ einen neuen Song aufgenommen. "Genug" kommt als Slow Blues daher und wirkt fast schon tiefenentspannt. Inhaltlich geht es um Themen wie Klimakatastrophe, Cyber-Mobbing oder Verschwörungstheorien. Themen, die durch die weltweite Pandemie verstärkt in den Mittelpunkt gerückt sind. Viele geben angesichts der vielfältigen Probleme in der Gesellschaft auf - sie haben genug! So könnte man dieses Lied von Caro Kiste Kontrabass verstehen. Wäre da nicht der Refrain:.

Aber du bist jeden Tag genug, dass ich‘s versuchen will
Du bist jeden Tag genug, dass ich‘s versuchen will
Du bist jeden Tag genug, dass ich‘s versuchen will
Mein Trotz und Trost, mein goldnes Los, mein Strohhalmfloß


"Genug" von Caro Kiste Kontrabass macht auf Missstände aufmerksam, fordert zum Nachdenken und Handeln auf und ist obendrein noch eine Liebeserklärung. Für mich ist "Genug" einer der Songs, die zu Recht ihren Weg in die Liederbestenliste gefunden haben.


Weitere Informationen:
www.carokistekontrabass.de

JAN 2021  Dieter Kindl, Kassel

Feli: Schmerzbefreit

Auf Stein sitzt er so da und zupft an seinem Bart
und starrt Löcher in die Vergangenheit
Die Stufen vorm Döner sind ziemlich hart
doch da isser inzwischen ziemlich schmerzbefreit
Da hatt er sich ne Hinternhornhaut angesessen


So lauten die ersten Zeilen des Songs »Schmerzbefreit« aus der Feder der Liedermacherin Feli. Sie selbst bezeichnet sich auch gern als Chansonnière. Genau in diesem Spektrum sind auch die Lieder ihres zweiten Albums »Perlmutt« anzusiedeln. Darauf erzählt sie über das, was so vorkommt im Leben. Da geht es um Heimat und Gefühle, Gott und Liebe, innere Werte und äußere Umstände. Dabei begleitet sie sich selbst auf der Gitarre oder dem Akkordeon.

Feli, bürgerlich Karla Feles, ist "geboren im Westen, hat studiert im Süden und Heimat gefunden im Norden." So steht es auf ihrer Visitenkarte. Musik hat sie das ganze Leben lang begleitet. Irgendwann kam der Zeitpunkt, wo sie Lust verspürte "selber Lieder zu machen." Seit der Pensionierung hat die ehemalige Kunstlehrerin mehr Zeit dafür und ist seit einigen Jahren auf den Klein- und Kleinstkunstbühnen zuhause, was ihr u.a. den Titel "Grande Dame der Hamburger Openstage Szene" einbrachte.

Feli singt hauptsächlich von sich selbst, von den Erfahrungen in ihrem Leben. Damit berührt sie, weil es jedem Menschen so oder so ähnlich schon passiert ist. Oder passieren könnte, wie in dem Song »Schmerzbefreit«, der von Jemandem erzählt, der aus irgendeinem Grund gestrauchelt und nun ohne Obdach ist.

Und ab da hatter irgendwie im Leben gar nix mehr gerissen
Ohne Wohnung, ohne Job, ohne Geld machte er dann halt Platte
[...]
Da ist das letzte bisschen Menschenwürde auch noch weg
Und du fragst dich nicht mehr, ob dir dein Leben gefällt
und machst weiter, bettelst um Essen und Geld

Die Wahlhamburgerin hat für dieses Stück das Akkordeon als Begleitinstrument gewählt, welches ihren Sprechgesang akzentuiert unterstützt. Und was da zu hören ist, klingt authentisch und glaubwürdig und zeugt von feinsinniger Beobachtungsgabe und Empathie.

Feli schafft es mit diesem Song, Menschen für das Thema Obdachlosigkeit zu sensibilisieren. In Zeiten der Corona-Pandemie ist das wichtiger denn je.


Weitere Informationen:
https://www.facebook.com/karla.feles

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