Persönliche Empfehlung Lied

Reihum gibt eine/r der JurorInnen in dieser Rubrik ihre/seine persönliche Empfehlung für ein Lied ab und begründet diese schriftlich.

DEZ 2021  Sebastian Lenth, Alsfeld

Schwessi - Revolution

Das Debutalbum „Achtung Überlebensgefahr“ von Schwessi ist nicht nur als Aufforderung zu sehen, sondern als ein Beweis, dass etwas in der Musik angekommen ist. Seit Generationen, lässt sich ein Konflikt zwischen Jung und Alt beobachten. Zugegeben, - offensiv und öffentlich vor allem seit den Sechzigern des letzten Jahrhunderts bzw. Jahrtausends, aber nun ist es Zeitgeist mit der beginnenden mittleren Kindheit aufzubegehren! Genau diesen neuen Zeitgeist trifft der Song „Revolution“.

Das dreizehnjährige Mädchen schreit es raus, - ins Megafon!

„Ich scheiß auf eure Millionen
Mich könnt ihr nicht dressier`n“

Und es ist eine Anklage, die da an uns Ältere gerichtet wird:

„Ihr fahrt uns voll an die Wand
Habt unsere Zukunft verbrannt
Ihr könnt uns nicht regier`n"

Ist es doch die Pubertät, die in uns den Rebell oder die Rebellin hat aufleben lassen, so sollte es nun die Akzeptanz gegenüber wissenschaftlicher Erkenntnis sein, die uns alle zum Auflehnen aufrufen sollte. Aber nichts passiert; nur die heranwachsende Generation geht auf die Straße und stellt nicht nur die Forderung; sondern lehrt uns das, was wir selbst als Kinder und Jugendliche schon wussten. Unser Hamsterrad, unser Reihenhaus, unsere Billigproduktionen in unseren rational befreiten Zonen hat unser Herz hat hart werden lassen.

Deshalb ruft die Jugend es ins Megafon:

„Sie will kein Kommerz und kein Hamsterrad
Doch ihr weiches Herz wird langsam hart
Umgeben von Millionen Klonen, die im Reihenhaus wohnen
mit Billigproduktionen in rational befreiten Zonen“

Und so ist es dieses Lied, welches als Dokumentation des Zeitgeistes interpretiert werden kann und somit ein wichtiger Beitrag für die Durchsetzung sowie Umsetzung von wissenschaftlichen Erkenntnissen ist. Lasst uns wieder Kind sein und versuchen das zu retten, was im Allgemein als „die Zukunft für unsere Kinder“ bezeichnet wird. Danke Schwessi!

Weitere Informationen: www.schwessi.de

NOV 2021  Ralf Ilgner, Bochum

Sarah Lesch - Drunter machen's wir nicht

„Seit dieses Lied fertig geschrieben ist, lässt es nicht mehr zu, dass

ich mich unter Wert verkaufe. Im Privaten nicht wie im Beruflichen. Etwas, dass ich seit Jahren in der Theorie total verstanden habe, wandelt und manifestiert sich in ein unkaputtbares Herzverständnis. In gelebte Weisheit.“, beschreibt Sarah Lesch ihre Position im Mit- und Gegeneinander der Geschlechter. Ihr Ärger, auch auf die vermeintlich emanzipierten Männer, klingt in so ziemlich jeder Zeile durch. Aber es bleibt nicht bei der detaillierten Analyse und Kritik. Sarah Lesch

reicht in „Drunter machen wir&squot;s nicht“ auch uns Männern die Hand, sie bricht nicht mit uns, fordert uns auf vom Thron der Deutungshoheit runter zu steigen und den Kampf mit und für die Frauen aufzunehmen.

Wir brauchen euch an unsrer Seite
Und dass ihr euch mit uns empört
Dass ihr aufsteht auch wenn ihr bequem sitzt
Und euch an der Schieflage stört

Ein dringend benötigtes politisches Lied mit einem ganzheitlichen Ansatz gesellschaftlicher Kritik. Klingt eher schwer verdaulich? Nein! Sarah Lesch trägt ihre Botschaft kraftvoll vor, aber die Leichtigkeit der Komposition, die zarte Eleganz der Instrumentierung betten ihren Aufruf wunderbar ein. Trotz aller Schwere der Bedeutung insgesamt ein frohes, ein hoffnungsvolles Lied, ein Aufbruch.


Weitere Informationen: sarahlesch.de

OKT 2021  Michael Lohse, Köln

Anna Mabo - das fahrradschloß

„Wir ham unsere Jugend in Staniolpapier verpackt und gehofft, dass sie so ein bisschen länger hält.“ Es sind knackige Formulierungen wie diese, mit denen einen Anne Mabo augenblicklich in ihren Bann zieht. In „Das Fahrradschloss“ singt die 26jährige Wienerin über das Ende einer Liebe - nicht gerade ein Songwriter-Thema mit Seltenheitswert. Aber wie sie das tut, lässt aufhorchen: ohne jede Larmoyanz, dafür mit Witz und Ironie inszeniert sie eine rundum stimmige Geschichte: Man hat sich auseinandergelebt, weil man zu viel und zu eng aufeinander gehockt hat. Die Beziehung hat etwas Ungesundes und Selbstzerstörerisches bekommen, nicht nur, weil sie zusammen zu viel saufen. Das Fahrradschloss wird zum Symbol für diese Nähe, für die symbiotische Verstrickung, die zum Gefängnis geworden ist: „Immer wenn ich Fahrrad fahr, denk ich an dich, weil dein Geburtstag der Code für mein Fahrradschloss ist“, heißt es trocken im Refrain. Die zweite Strophe liefert dann das Gegenstück: Dem Freund geht es nicht besser, denn er hat wiederum ihren Geburtstag zur Geheimzahl seiner EC-Karte gemacht. Und wie lassen sich die Ketten dieses fatalen Bundes sprengen? Die Protagonistin will die Kombination ihres Zahlenschlosses ändern und ruft ihren Freund Max an, der ihr verrät, wie das geht. Die Pointe: Jetzt braucht sie einen neuen Code und fragt kurzerhand: „Wann hastn du Geburtstag Max? 0409“.

Immer, wenn man denkt, man weiß, worauf es bei Anne Mabo hinausläuft, bringt sie eine unerwartete Wendung. Statt blumiger Metaphern liefert sie griffige Details und schildert präzise Situationen – poetisch und vieldeutig ist ihr Text dennoch. So fragt man sich am Schluss, ob sie dabei ist, denselben Fehler zu wiederholen: Folgt sie einem destruktiven Verhaltensmuster und tauscht einfach den einen Mann gegen den nächsten aus? So stark ist dieser Text, dass die Musik sich unterordnen muss. Eine einschmeichelnde Harmoniefolge, auf der Gitarre gezupft, bereitet den Grund für Mabos unprätentiösen Gesang. Anders als bei ihrem Freund und musikalischen Mentor Ernst Molden, der als Gitarrist auf ihrer aktuellen CD „Notre Dame“ auch zu hören ist, setzt sie das Wiener Idiom nur angenehm dosiert ein, so wenn der Freund zitiert wird: „Morgen hörma auf, sonst gehma drauf.“ Überzeugend auch wechselt Mabo am Schluss in den szenischen Monolog, als sie ihre Hörer quasi in Echtzeit teilhaben lässt, wie sie den Code für ihr Fahrradschloss ändert. Da hört man ihre Herkunft vom Theater. Am Max Reinhardt Seminar hat sie Schauspielregie studiert. Während des Lockdowns hatte sie allerdings wenig Gelegenheit zum Inszenieren, wodurch sie sich auf die Musik konzentrieren konnte. So hat Corona auch ein Gutes: großartige neue Songs einer Wiener Stimme, die man sich merken muss.  



Weitere Informationen:
medienmanufaktur.com/musikerinnen/annamabo/

SEPT 2021  Wolfgang Rumpf, Bremen

Fräulein Tüpfeltaubes Tagebuch - Die Freiheit der Gedanken



Was der ins Philosophische verweisende Titel des Songs schon andeutet, bestätigt sich sowohl im Text als auch im eigenwilligen Arrangement des fast fünf Minuten langen Stücks. Das Trio um die Kölner Komponistin Sarah Horneber, die auch für die Lyrics verantwortlich zeichnet, geht einen mutigen Weg, in dem sich die drei (neben Sarah sind Anna-Sophie Dreyer und Veit Steinmann als Background dabei, weitere Gäste sind Paul Bremen, Philipp Ullrich und Philipp Klahn) bei Elementen aus moderner Klassik, Jazz, Chanson und Weltmusik bedienen und mit Klavier, Gitarre, Cello und Mandoline, Percussion und Gambe und leicht angeschrägten Instrumentierungen einen ganz eigenen Sound erzeugen, der die Text-Botschaften wirkungsvoll unterstreicht. Die Träumereien und Utopien im Text bilden den Gegenentwurf zu den Zweifeln, die aus dem eigenen Gedanken- und Gefühlschaos entweichen – dieser Mix spiegelt sich in der ebenso ungezwungenen Gestaltung in der Musik von ‘Fräulein Tüpfeltaubes Tagebuch.’

Freiheit (der Gedanken) und Freiheit (als süße, lustvolle Versuchung) bleibt der tragende Tagebuch-Grundgedanke, so heißt es im Refrain:

„Und dann ist da die Lust
Die triumphierend durch mein Gefühlschaos galoppiert
Mit seltsamen Formeln hat sie mein Weltbild gründlich abstrahiert
Die Gedanken sind doch frei, Illusion, Spinnerei
Eine süße Versuchung, die man blinzelnd ausprobiert.“  

Das Lied beginnt mit einem eher holprigen Klavierintro, das signalisiert, hier ist jemand auf der Suche und tastet sich an das dramatische Thema in Tom-Waits-Manier inklusive kratziger Gitarre heran. Aber rasch ändert sich die Stimmungslage, der Schalter wird umgelegt und ‘Die Freiheit der Gedanken’ schwingt sich zu einem fast sinfonischen Refrain auf, der mitreißt.

Sarah Horneber (*1988), die Jazz, Pop und Querflöte in Arnheim (NL) studierte, ist mit ihrem kreativen Trio ein Album geglückt, das durch innovative Ideen und mutige Gestaltung jenseits des Mainstream überzeugt. Track 2 ‘(Über eigenartige Gelüste und) Die Freiheit der Gedanken’ zeigt das in einer Art alternativer Operettenform eindrücklich. Und mit Augenzwinkern.


Weitere Informationen:
tuepfeltaube.de

AUG 2021  Uwe Thorstensen, Halle (Saale)

Philip Omlor - Pferd 2


Spätestens, wenn man in der Vita von Philip Omlor stöbert, merkt man, dass er als Liedermacher kein Unbekannter ist. Ob Solo oder jetzt auch bei Liederjan, sein Wirken ist vielgestaltig.

Sein Song „Pferd 2“ stammt aus seinem im Mai erschienenen Album Punkt. Wer hatte nicht schon einmal das Bedürfnis, sich einfach ziellos allein auf die Strümpfe zu machen und in Wald und Flur den Kopf von überdrüssig Angestautem freizubekommen, seine Gedanken neu zu ordnen oder einfach nur schlicht und ergreifend die Ruhe zu genießen. Dazu lädt Philip Omlors Stück absolut ein, aber auch dazu, bekannte Wege einmal zu verlassen, Neues zu entdecken:

Und so ist die beschriebene Wanderung dann auch bebildert, die Gefühle auf dem Weg sehr gut beschrieben: „Und die Stille rings um mich ist vollkommen undurchdringlich und so dicht, dass ich mich atmen hören kann. Wind und Wald und Wasser schweigen, reglos, wie in Öl gemalt.“

Begleitet wird diese Wanderung durch einen satten Gitarrensound und dezent eingesetzter Orgel, wunderbar im Einklang mit dem Gesangsvortrag.

Rundherum ein Song, den man gerade in den Zeiten des gegenwärtigen Beengtseins gut gebrauchen kann und der über dies auch noch sehr stark ohrwurmverdächtig ist.

Nur am Rande sei noch angemerkt, dass es sich überdies auch lohnt, den Rest der Eigenproduktion in Augenschein oder besser gesagt sich ins Gehör zu bringen.

Weitere Informationen: pomlor.de

JULI 2021  Wolfgang Rumpf, Bremen

Dominik Merscheid - Flohmarkt

Liedermacher Dominik Merscheid ist im Genre 'Kinderlieder' zuhause,  bietet aber auf seinem aktuellen Album auch Songs und Lieder, die durchaus für Erwachsene geeignet sind, da sie nicht nur mit dem nötigen Ernst, sondern auch mit einer Prise Ironie und Lust am Wortspiel ausgeschmückt wurden. Er sagt selbst, dass seine Lieder aus der Sicht eines Erwachsenen entstehen, der sein 'kreatives inneres Kind' nicht vergessen hat.

So lädt der Up-Tempo-Song 'Flohmarkt' zu einem launigen Spaziergang über irgendeinen Trödelmarkt dieser Welt ein. Im Refrain spielt der Künstler, der seit fünf Jahren als Sprecher, Komponist und Geräuschemacher in theatralen Lesungen mit dem Comiczeichner Ferdinand Lutz unterwegs ist, mit Textbausteinen, wenn es heißt:

„Leute, kommt und schaut, was euch gefällt!
Sie verkauft es euch für wenig Geld!
Bis heut' Abend will sie alles los sein,
besonders dieses rosa Schwein!“  

Im nächsten Refrain wird aus dem 'rosa Schwein' eine 'Dose Schleim' oder gar ein 'Klo-Stein' oder am Ende ein großes 'Nein', das er dann aber doch nicht herausgibt. Musikalisch beschreibt er diesen Rundgang so bunt und temporeich wie der Trödel selbst auf den Flaneur wirkt, 'Flohmarkt' klingt mal nach Zirkusmanege und Rummelplatz, flicht witzige Call and Response-Passagen ein und schwingt sich dann zu einem hymnischen Zwischenspiel auf, das an amerikanische Vorbilder (Billy Joel) erinnert.

Dominik Merscheid hat alle Songs zuhause in Windeck im Rhein-Sieg-Kreis komponiert, getextet, im Homestudio aufgenommen und gemischt, folgerichtig sieht man ihn auf dem Cover inmitten seines Instrumentariums aus Gitarre, Bass, Xylophon, kleinen Keyboards, einer Trommel und einem alten Radioapparat sitzen – ein Bild, das sowohl sein Songwriting als auch die Produktion des Albums in Eigenregie exakt beschreibt.


Weitere Informationen:

dominikmerscheid.de

JUNI 2021  Hans Reul, Eupen

DOTA - Keine Zeit

Vor ziemlich genau einem Jahr veröffentlichte DOTA mit prominenter Unterstützung (unter anderem Hannes Wader und Konstantin Wecker) ihr großartiges Album mit Vertonungen der Poesie der 1930er Jahre-Großstadtlyrikerin Mascha Kaleko. Und jetzt folgt schon ihr neues Doppelalbum: „Wir rufen dich, Galaktika“.

Die meisten der über 20 Songs sind fein arrangierte Liebeslieder, oft melancholisch in Text und musikalischer Umsetzung, dabei immer den passenden Ton treffend, poppig ohne anbiedernd zu sein und von der allgemein um sich greifenden Betroffenheitslyrik glücklicherweise meilenweit entfernt. So gut und auf den Punkt gebracht kann also Deutschpop sein.

Die meisten der Lieder sind in der Corona-Pandemie-Zeit entstanden. Man gewinnt den Eindruck, dass viele Lieder der Spiegel eines Rückzugs ins Private sind. Lag dies an der neu gewonnen Zeit ohne Konzertauftritte? Wer weiß?  Aber es finden sich auch einige etwas ältere Texte auf der Doppel-CD, so auch das Lied, das ich empfehlen möchte: „Keine Zeit“.

Es ist das politisch konkreteste Lied auf dieser CD, geschrieben für die „Fridays for Futures“-Bewegung und bei deren Demos auch schon von Dota und Band live gespielt. Als dies noch möglich war. Dota analysiert auf ihre so typische, fast schon ein wenig lakonisch wirkende Art zu singen, die Situation. Hinter uns liegen Jahre vertaner Zeit und fehlender Taten. Alles Lamentieren über sterbende Arten und Meere nutzt nichts mehr, jetzt noch die Frage stellen Verzicht oder später Vernichtung ist keine Wahl.

Sicher, manch einem mag der Text in seiner einfachen und direkten Sprache fast ein wenig banal erscheinen. Die verlachen auch die streikenden Schüler als unvernünftig, aber einzig unvernünftig ist es, jetzt einfach so weiterzumachen.

DOTA hat es immer verstanden den Protestsong vermeintlich leichtgewichtig rüberzubringen, wie vor einigen Jahren in „Grenzen“. Mit „Keine Zeit“ setzt sie wieder ein Zeichen, denn jetzt ist Schadensbegrenzung noch möglich, doch dafür muss sich sehr vieles ändern. Und jetzt fängt es an.


Weitere Informationen:
kleingeldprinzessin.de

MAI 2021  Dieter Kindl, Kassel

Linda und die lauten Bräute - Die Bäckerei

Am Anfang stand ein Telefonat. Dann noch ein paar weitere. Einen Monat später stand eine „Gruppe junger, wilder Liedermachender“ in der Kulturfabrik Hoyerswerda auf der Bühne, um ein Lied von Gerhard Gundermann anlässlich dessen 20. Todestages zu singen.

»Linda und die lauten Bräute« nennt sich die Formation und macht nun schon seit fast drei Jahren gemeinsame Sache. »Nachtmusik aus'm Tagebau« nennt sich ihr Programm, in dem sie Lieder von Gundermann als auch eigene Kompositionen präsentieren. Hinter dem Projekt mit dem ungewöhnlichen Namen verbergen sich Mitglieder der Bands Hasenscheisse, Lari und die Pausenmusik und Schnaps im Silbersee sowie Axel Stiller und zu guter Letzt Linda Gundermann. Ein Lied, dass ihr Vater ihr gewidmet hat, stand denn auch Pate bei der Namensfindung der Band.

Als sich die nächste Gundermann-Generation ankündigte, beschlossen die Musiker dem zukünftigen Erdenbürger ein Lied mit auf den Weg zu geben: „Die Bäckerei“.

Axel Stiller, der diesen Song geschrieben hat, erzählt darin über das Schicksal der „Menschlein“. Ursprünglich selbst Produzent von Waren, haben diesen Job nun Maschinen übernommen, die „Menschlein“ werden zu Konsumenten degradiert. Das einzige was zählt, ist wirtschaftlicher Wachstum - trotz all der vielfältiger Probleme, die damit einhergehen und letztendlich die Existenz aller Erdenbewohner bedrohen. Wie dem zu begegnen ist? Die Antwort ist eigentlich sehr einfach:

    so stellt sich mir zum schluss die frage nach dem sinn des ganzen
    und ob es sinnvoll und vernünftig ist, auf dieser hochzeit noch zu tanzen
    anstatt den bauplan zu besorgen und zwei, drei rädchen zu blockier'n
    ich glaub, das arme kleine menschlein, hätte recht wenig zu verlier'n 

    es geht nicht um dein stück vom kuchen
    und doch wir brauchen dich dabei
    geht drum was besseres zu suchen
    es geht um die ganze bäckerei.

Musikalisch kommt diese Botschaft als Uptempo-Nummer daher, dessen treibender Rhythmus bis zum Ende beibehalten wird. Die Instrumentierung ist einfach gehalten: Bass, Cajón, mehrere Gitarren, eine hinreißende Geige und toller mehrstimmiger Gesang bilden ein gelungenes Ganzes. Oder andersrum gesagt: Gundermann 2.0 lässt grüßen ...


Weitere Informationen:

lindaunddielautenbraeute.de

APR 2021  Michael Laages, Hannover

Gerulf Pannach - Leibzscher Messe



Innerhalb dieser Musik aus der Schatzkiste der alten DDR, die das Ostberliner Buschfunk- Label vorlegt mit Gerulf Pannachs Live-Aufnahmen aus der Mitte der 70er Jahre, ist die Geschichte vom Gerummel und Getrubel zweimal jährlich zur Messe in Leipzig die schillerndste Perle – das Lied, in dem Gerulf Pannach erzählt von all dem, was es an Warenangebot plötzlich gibt für ein paar Tage (und für die Gäste aus dem Westen) und danach gleich wieder nicht (weil die Wessies ja wieder weg sind), ist 1975 beim Liedermacher- und Songpoetenfreund Christian Kunert zu Hause entstanden. Und es fällt obendrein aus dem Rahmen, weil Pannach hier nicht zur Gitarre, sondern zur Quetsche singt: zum Akkordeon.

Das klingt ein wenig nach Jahrmarkt und Budenzauber und tut gerade deutschen Liedern immer gut; nicht umsonst gab’s auch Song-Geschichten von Wolf Biermann in jener Zeit, die auf diese Weise klangveredelt wurden.

Biermanns Ausbürgerung steht noch bevor, als Freund und Kollege Pannach 1975 in Delitzsch singt oder im Jahr davor an der Technischen Hochschule in Karl-Marx-Stadt (heute wieder Chemnitz), und der Twen aus Arnsdorf bei Dresden singt sogar Biermanns deutsche Fassung von Carlos Pueblas „Che Guevara“-Hymne... Pannach und Kunert, Biermann und (auch als Lied-Autor) Jürgen Fuchs markieren eine Art aufmüpfiger Widerstandszelle auf der ganzen CD; was da gesagt und gesungen wurde, sollte im alten Osten eigentlich nie vergessen werden – wird aber vergessen.

Wie der ausgestellte Messe-Irrsinn im alten Leipzig, von dem Pannach im letzten Lied der CD erzählt: im Gassenhauer-Ton spätmittelalterlicher Balladen-Barden. Und dazu dürfen sich Hörerin und Hörer gern vorstellen, dass auf der Rückwand vom Leiterwagen illustrierte Moritaten gezeigt werden ... herrlich! Mit diesem wunderschönen Finale öffnet der politische Unruhestifter Pannach den Horizont weit über die kleine, chronisch herunterkommende DDR hinaus – mit dem Blick in die Geschichte deutscher Unterdrückung, der viele Jahrhunderte umfasst. Der freche Freigeist stellt sich hier gegen jeden bürgerlichen Biedersinn, der sich mit dem Zuckerbrot zufrieden gibt, bevor die Peitsche saust.

Von der „Leibzscher Messe“ damals erzählt dieser sehr besondere, schon 1998, im 50. Lebensjahr und also viel zu früh verstorbene Lieder-Sänger wie von einem großen, historisch-deutschen Panorama: hundsgemütlich und brandgefährlich.

Weitere Informationen:
https://verlag.buschfunk.com

MÄRZ 2021  Katja Klüßendorf, Berlin

Brandão, Faber, Hunger - Hoffnigslos Hoffnigslos

Die Schweizer Musiker Faber, Sophie Hunger und Dino Brandão veröffentlichten am 11. Dezember 2020 mit „Ich liebe Dich“, ihrem ersten gemeinsamen Studioalbum, das zwölf Eigenkompositionen auf Mundart umfasst, ein grandioses Liebesmanifest. Es ist vor allem ihr dramatisch-romantischer Stil, der die drei musikalisch verbindet. Das Ganze sei ein Versuch, sagen sie, die Liebe und den Satz aller Sätze in Mundart zu singen - und das auch auszuhalten. Das muss man erst einmal können. Alle Lieder kommen sehr unmittelbar und fragil daher: sie sind minimalistisch instrumentiert, zu Gitarre, Klavier, Bass und Schlagzeug kommen in manchen Stücken Streicher hinzu. Das Schwizerdütsch scheint ein Stück ihres Selbst unverstellt freizulegen, intim und verletzlich..

„Ich liebe dich“, diese drei Worte geben viel Raum für die Facetten der Liebe. Liebe als Schicksal, als Revolution, als Rettung, als Trunkenheit, als Laune, als Offenbarung - oder als Mangel, wie in „Hoffnigslos hoffnigslos“ aus der Feder Fabers, ein Liebeslied über unerfüllte Liebe und die Trostlosigkeit in diesem Leben in einer kalten Gesellschaft. So schwer genug es ist, all die Entbehrungen in Zeiten der Coronapandemie zu ertragen, schafft es dieser Song, nochmal einen oben drauf zu geben.

Ich muss zrugg id Zuekunft
Ich mein nöd de Film
Min Film isch en andere und du füersch Regie
Aber Kinos sind gschlosse
Kei Pärli am schmuse
Ich fühl mi so nüchtern
Und all sind am suufe


In selbstironischer Schwermut singt Faber mit hoffnungsloser Sehnsucht.

De Summer isch abgseit
Ich ha alles probiert
Ich gumpe vom Sprungbrett
Ines Tüüfdruckgebiet

Ez bis nöd so dramatisch und hör mal uf hüüle
Die Stadt isch so chalt
da wür en Iisbär erfrüre
Fahred zum Tüfel ich gah hei

Doch dehei warted nüt uf mich


Nüt. Nicht nur, dass niemand zu Hause auf einen wartet, sondern nichts. Scheinbar endlose zwei Minuten stimmen Sophie Hunger und Dino Brandão mit Faber verzweifelt mit ein, „nei dehei warted nüt uf mich“. Ja, das muss man aushalten können. Aber es ist wunderschön.


Weitere Informationen:
https://www.twogentlemen.net/artists/782

FEB 2021  Dieter Kindl, Kassel

Caro Kiste Kontrabass - Genug

„Caro Kiste Kontrabass heben sich wohltuend von dem ab, was in den etablierten Medien alltäglich musikalisch geboten wird. Da ist noch einiges möglich auf der nach oben offenen Liederskala“, hieß es unter anderem in der Begründung als das Trio 2012 mit dem Förderpreis der Liederbestenliste ausgezeichnet wurde.

Nach ihrem 2012er Debut "In der Nähe der Zufriedenheit" und dem 2017 erschienenen Zweitwerk "Fahrlässige Poesie" hat sich die Combo eine Kreativpause gegönnt. 2020 sollte es wieder losgehen mit Konzerten und der Arbeit an neuen Songs. Dann kam Corona. „Die Pandemie [...] hat [...] verhindert, dass wir uns zu dritt treffen und das tun können, was uns so am Herzen liegt: Proben, Jammen, Rumkaspern und neue Lieder austüfteln“, kann man auf ihrer Webseite lesen.

Im Sommer haben die Drei „mit Abstand und weit, weit offenen Fenstern und Türen“ einen neuen Song aufgenommen. "Genug" kommt als Slow Blues daher und wirkt fast schon tiefenentspannt. Inhaltlich geht es um Themen wie Klimakatastrophe, Cyber-Mobbing oder Verschwörungstheorien. Themen, die durch die weltweite Pandemie verstärkt in den Mittelpunkt gerückt sind. Viele geben angesichts der vielfältigen Probleme in der Gesellschaft auf - sie haben genug! So könnte man dieses Lied von Caro Kiste Kontrabass verstehen. Wäre da nicht der Refrain:.

Aber du bist jeden Tag genug, dass ich‘s versuchen will
Du bist jeden Tag genug, dass ich‘s versuchen will
Du bist jeden Tag genug, dass ich‘s versuchen will
Mein Trotz und Trost, mein goldnes Los, mein Strohhalmfloß


"Genug" von Caro Kiste Kontrabass macht auf Missstände aufmerksam, fordert zum Nachdenken und Handeln auf und ist obendrein noch eine Liebeserklärung. Für mich ist "Genug" einer der Songs, die zu Recht ihren Weg in die Liederbestenliste gefunden haben.


Weitere Informationen:
www.carokistekontrabass.de

JAN 2021  Dieter Kindl, Kassel

Feli: Schmerzbefreit

Auf Stein sitzt er so da und zupft an seinem Bart
und starrt Löcher in die Vergangenheit
Die Stufen vorm Döner sind ziemlich hart
doch da isser inzwischen ziemlich schmerzbefreit
Da hatt er sich ne Hinternhornhaut angesessen


So lauten die ersten Zeilen des Songs »Schmerzbefreit« aus der Feder der Liedermacherin Feli. Sie selbst bezeichnet sich auch gern als Chansonnière. Genau in diesem Spektrum sind auch die Lieder ihres zweiten Albums »Perlmutt« anzusiedeln. Darauf erzählt sie über das, was so vorkommt im Leben. Da geht es um Heimat und Gefühle, Gott und Liebe, innere Werte und äußere Umstände. Dabei begleitet sie sich selbst auf der Gitarre oder dem Akkordeon.

Feli, bürgerlich Karla Feles, ist "geboren im Westen, hat studiert im Süden und Heimat gefunden im Norden." So steht es auf ihrer Visitenkarte. Musik hat sie das ganze Leben lang begleitet. Irgendwann kam der Zeitpunkt, wo sie Lust verspürte "selber Lieder zu machen." Seit der Pensionierung hat die ehemalige Kunstlehrerin mehr Zeit dafür und ist seit einigen Jahren auf den Klein- und Kleinstkunstbühnen zuhause, was ihr u.a. den Titel "Grande Dame der Hamburger Openstage Szene" einbrachte.

Feli singt hauptsächlich von sich selbst, von den Erfahrungen in ihrem Leben. Damit berührt sie, weil es jedem Menschen so oder so ähnlich schon passiert ist. Oder passieren könnte, wie in dem Song »Schmerzbefreit«, der von Jemandem erzählt, der aus irgendeinem Grund gestrauchelt und nun ohne Obdach ist.

Und ab da hatter irgendwie im Leben gar nix mehr gerissen
Ohne Wohnung, ohne Job, ohne Geld machte er dann halt Platte
[...]
Da ist das letzte bisschen Menschenwürde auch noch weg
Und du fragst dich nicht mehr, ob dir dein Leben gefällt
und machst weiter, bettelst um Essen und Geld

Die Wahlhamburgerin hat für dieses Stück das Akkordeon als Begleitinstrument gewählt, welches ihren Sprechgesang akzentuiert unterstützt. Und was da zu hören ist, klingt authentisch und glaubwürdig und zeugt von feinsinniger Beobachtungsgabe und Empathie.

Feli schafft es mit diesem Song, Menschen für das Thema Obdachlosigkeit zu sensibilisieren. In Zeiten der Corona-Pandemie ist das wichtiger denn je.


Weitere Informationen:
https://www.facebook.com/karla.feles

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