Persönliche Empfehlung Lied

Reihum gibt eine/r der JurorInnen in dieser Rubrik ihre/seine persönliche Empfehlung für ein Lied ab und begründet diese schriftlich.

JUNI 2020  Nikola Pfarr, Berlin

Die Sterne - Der Sommer in die Stadt wird fahren

Krisenstimmung vs. Solidarität, feinstes Frühlingswetter vs. Quarantäne, renommierte Virologen vs. Aluhut-tragende Köche – das Frühjahr 2020 ist von Gegensätzen geprägt. Der große gemeinsame Nenner ist da lediglich eine enorme Unsicherheit hinsichtlich dessen, was die kommenden Monate wohl bringen mögen.  In solchen bewegten Zeiten sehnt man sich nach Gewissheit – was ein Glück, dass Die Sterne diese gleich in doppelter Hinsicht liefern!.

Gewissheit Nr. 1: Der Sommer in die Stadt wird fahren

„Der Sommer in die Stadt wird fahren“ beginnt nicht nur mit einem funky Keyboard-Intro, sondern auch mit einer denkbar pessimistischen Bestandsaufnahme des Status quo: Unmut über Lügen, Phrasendrescherei und allgemein eine ausgeprägte misanthropische Grundhaltung sorgen erst mal für keine sommerliche Stimmung. Dass der im Refrain beschworene Sommer dann doch kommt, scheint Sänger Frank Spilker erstmal nicht so richtig glauben zu können. Das wird von wunderschönen Zeilen wie „Die Glieder würden wieder warm/ Wir zögen uns nicht so blöd an/ Das Eis es schmölze in den Getränken/ Der Schweiß er tröffe von den Wänden“ in der grammatik-gewordenen Unsicherheit konjunktiv illustriert. Am Ende des Liedes regnet es zwar immer noch Lügen, aber der blanke Pessimismus weicht immerhin Akzeptanz und der Gewissheit, dass es Sommer wird.

Gewissheit Nr. 2: Gute Musik

Zum schlichten wie dann doch aussagekräftigen Titel des Albums äußert sich die Band auf ihrer Website wie folgt: „Selbstbetitelt. Der Titel ist ein Statement.“ Gut, das kann man so stehen lassen. Teamwork makes the dream work – in diesem Sinne ist die Platte ein Gemeinschaftsprojekt diverser Musiker*innen wie z.B. den fantastischen Düsseldorf Düsterboys. Auch „Der Sommer in die Stadt wird fahren“ ist eine Kollaboration. Bei diesem Lied sorgen die Streichklänge des Kaiser Quartetts für die nötige Opulenz und der musikalische Tausendsassa Erobique steht mit Keyboard-Kompetenz zur Seite. Musikalisch bewegen sich sowohl Stück als auch Album hauptsächlich im Dreieck zwischen Indie-Pop, Disco und Funk. Von den eingangs erwähnten Gegensätzen kommt man auch im Song nicht los. Durch die Streicher, die Tonart und den Text schwingen ein gewisses Drama und eine diffuse Sehnsucht mit, die im gleichen Moment aber auch durch Selbstironie gebrochen werden.

So oder so, der Sommer kann und wird kommen.


Weitere Informationen:  www.diesterne.de

MAI 2020  Michael Laages, Hannover

Jens Thomas - Diese Fragen

Bevor vom Lied die Rede ist, muss vom Sänger geschrieben werden. Auch weil diesen Jens Thomas in der Gemeinde der Lied-Begeisterten kaum jemand kennen wird – der Pianist, Multi-Instrumentalist und Sänger stammt aus Braunschweig und ist vom Jahrgang 1970. In Hannover ist er aufgewachsen, in Hamburg hat er studiert; und zwar bei Dieter Glawischnig, dem aus Graz stammenden damaligen Leiter sowohl der NDR Bigband als auch des Jazz-Studiengangs an der Hochschule für Musik und Theater. Und nicht nur dank dieses Lehrers war Jens Thomas Mitte der 90er Jahre eines der vielversprechenden jungen Meister-Talente der deutschen und europäischen Jazz-Szene.

Das allein jedoch war nicht genug – Thomas begann in Inszenierungen des Theater-Regisseurs Luk Perceval mitzuwirken, improvisierte live (was wirklich selten ist im Theater!) und sang. Seither reist er viele Jahre schon mit dem Schauspieler Matthias Brandt durchs Land; die „Musikalische Lesung“ haben die beiden zu neuen Qualitäten geführt. Am Schauspielhaus in Bochum hat Jens Thomas Konzertreihen kuratiert; bei einem der wichtigsten deutschen Jazz-Labels erschienen CD’s von ihm, ausgerechnet dort würdigte er auch Heavy-Metal-Ikonen der eigenen Jugend. Zuletzt wurden die Film-Kompositionen von ihm begeistert gerühmt, die den Freiburger „Tatort“ grundierten: „Ich hab im Schlaf geweinet“.

Wer mag, kann das Motto dieses Gedichts von Heinrich Heine als Motto setzen über die aktuellen Lieder auf der CD von Jens Thomas (die auch seinen Namen trägt) – diese Texte, musikalisch auf verschiedenen Instrumenten durchweg in melancholischen Tönen unterfüttert, schauen selbst beim analytischen Blick nach außen, auf die Welt, wie sie ist, immer auch und vor allem nach innen: in den Menschen hinein. All die Unerklärbarkeiten um uns herum haben Echos im Ich – und als Autor wie als Komponist versucht Jens Thomas, diese Echos in Liedern zu bannen. „Diese Fragen“, der zweite Titel auf der CD, ist so ein Echo-Lied.

„Wohin / woher / bin ich nichts – oder ist da mehr / wohin woher wie viel wie sehr“ … so klingt (und liest sich) eine Text-Passage aus „Diese Fragen“. Thomas will sich selbst auf den Grund kommen,  er forscht; Ergebnisse und Antworten findet er nicht. In zwei Motiv-Liedern sieht er sich selber als Alchemisten – aber nicht um Gold zu gewinnen in der Retorte, sondern um die Zutaten zu erforschen, die das ausmachen, was wir „Mensch sein“ nennen. Momente gibt’s, wo die suchende Melancholie nicht weit weg ist von esoterischer Selbstfindungs-Philosophie, vor allem, wenn gelegentlich doch mal Antworten formuliert werden: wie „Ich bin nichts als ein Tropfen im Meer“ im „Diese Fragen“-Song. Aber im Gegenüber von Text und Musik gelingt es Jens Thomas doch fast immer, die Phantasien zu erden; den Boden unter den Füßen nicht zu verlieren.

So lernen wir eine neue Stimme kennen im Geschäft der Liedermacherei; Jens Thomas, dieses Chamäleon der musikalischen Künste, nimmt uns mit auf die Reise ins kollektive Ich.

Weitere Informationen: www.jensthomas.com



APR 2020  Dieter Kindl, Kassel

Rafael Nyffenegger - Kartei

Achtzehn Lieder aus eigener Feder hat der in Olten lebende Liedermacher Rafael Nyffenegger auf seinem Debüt-Album „Bösguet“ zusammengetragen. Das Spektrum der Texte reicht von Alltäglichem bis hin zu Skurrilem.

Ein wenig ernster geht es in "Kartei" zu. Was früher als Utopie galt, ist heute schon längst Wirklichkeit. Egal, was wir machen, sagen, wollen, suchen, kaufen - alles landet im Archiv. Dazu braucht es keineswegs Jemand, der dies über uns zusammenträgt. Diesen Job haben längst Algorithmen übernommen, die alles, was wir in der virtuellen Welt unternehmen, registrieren und aus den gewonnenen Daten Entscheidungen für und über uns treffen. Unsere Privatsphäre haben wir schon längst der Wirtschaft vermacht. Rafael Nyffeneggers Wunsch lautet daher:

hoffentlich blybe de wenigschtens
üsi Wünsch u Gedanke no frei
[hoffentlich bleiben zumindest unsere Wünsche und Gedanken noch frei]

Beim Erzählen seiner Geschichten richtet Nyffenegger des öfteren den Blick nach innen und lässt sich von den teilweise abstrusen Gedanken und tiefen Gefühlen inspirieren. Die sind mal witzig, mal sarkastisch, dann wieder ernst und tiefsinnig. Die Beschränkung auf Stimme und Gitarre tut gut und ist keineswegs langweilig. Im Gegenteil! Weniger ist halt manchmal mehr. Für mich ein absolut empfehlenswertes Album.

Weitere Informationen: www.rafaelnyffenegger.ch


MÄRZ 2020  Hans Jacobshagen, Köln

Manfred Maurenbrecher - Jetzt auf einmal geht's

Eine freundliche Vision der Apokalypse: Wenn nicht mehr geht, was Mensch sich wünscht, geht ́s eben doch. Maurenbrecher zeigt uns, wo die Gier uns hinführt. Die Welt ändert sich, das Meer überflutet die Länder, die Polkappen schmelzen. Es gibt keine Autos mehr und keine Billigflüge. Mobilität schwindet. Der Mensch wird sich darauf einrichten. Die Vernunft setzt sich durch. Maurenbrecher beschreitet einen schmalen Grad zwischen Ironie und Realitätsbeschreibung. Was er sagt ist denkbar aber doch unglaublich. Kann das wirklich so kommen?

Das Album, auf dem dieses Lied veröffentlicht ist, heiß „Inneres Ausland“. Und so führen die Gedanken, die der Dichter entworfen hat, dazu, dass ich mir sagen muss: Ja das könnte so kommen. Aber will ich das wirklich so? Oder ist es nicht besser, jetzt dagegen zu steuern. Kann ich das? Die Klimaleugner gibt es in Maurenbrechers Vision von der Zukunft immer noch: Sie sitzen in geschlossenen Räumen und sind virtuell vernetzt mit ihren Lebensträumen, gehen dort auf Kreuzfahrt, Raserei im SUV und Großwildsafari. Die Unbelehrbaren bleiben unbelehrbar. Und obwohl so vieles für den Menschen fragwürdig wird in dieser Zukunft, singen die Heimatchöre „Gott erhalt ́s“.

Das großartige an diesem Lied ist, das es wachrüttelt ohne dass der Zeigefinger erhoben wird. Man kann, nein muss über jede Zeile nachdenken. Das Ende ist offen.

Maurenbrecher zeigt Dir den Weg nach Deinem eigenen Innen. Wenn Du angekommen bist, denke nach, ob Du an dieses Ziel willst oder findest Du eine Abzweigung? Entscheiden musst Du selbst.

Weitere Informationen: maurenbrecher.com

FEB 2020  Fredi Hallauer, Bern

Chlyklass – Nid üses Revier

Das Berner Rapper Kollektiv hat sich wieder einmal zusammen getan um ein neues Album gemeinsam aufzunehmen. Es ist dies das dritte Mal in 20 Jahren. Sonst haben und hatten die Musiker ihre eignen Combos und Projekte und sind auch Solo unterwegs. Chlyklass heisst Kleinklasse und das ist eine Schulform, welche gerade im Kanton Bern bis vor 10 Jahren üblich war für verhaltensauffällige, oder schöner gesagt, verhaltensoriginelle Kinder (heute wünscht man sich diese Form zurück). Da waren jeweils 6 bis 8 SchülerInnen in einer Klasse und soviele Rapper sind auch in der Chlyklass.

Die Texter des Kollektiv erklärten mir vor ein paar Jahren, dass sie die Mundartliedermacher der 70iger Jahre, welche ja auch gesellschaftsrelevant waren, zu ihren Einflüssen zählen. Rapper sind nach ihrer Sicht, die neuen Liedermacher.

Nun zum Lied. «Nid üses Revier» heisst schlicht und einfach: «Nicht unser Revier». Das Lied fällt durch eine Thematik auf, welche bei Rappern in Mundart oder Deutsch wenig angesprochen wird, in der heutigen Zeit und Situation aber durchaus wichtig ist. Es ist die Tierhaltung, hier am Beispiel der Hunde, aber natürlich auch die Rückkehr der Wölfe, welche für einige Schweizer ein Problem zu sein scheint, sonst würde sie man nicht abschiessen wollen oder es sogar tun. Das Lied beginnt mit einem Vortext , welcher übersetzt so lautet: «Der Mensch ist dem Menschen sein eigener Wolf; der Wolf ist am nächsten Verwandt mit dem Hund, also ist der Hunde dem Wolf sein eigener Mensch». Schon dieser Satz ist stark und zeigt die Qualität, dieser Raplyrik. Es wird darin erzählt vom Hundehalten mit Liebe zum Tier und es dann freilassen mit Tränen in den Augen und hoffen er kommt zurück, aber auch von Tierquälern wo die Hunde ausreissen. Der Refrain zeigt, dass die Hunde hier nur ein  Beispiel sind für Natur und unser kranker Umgang damit, denn er lautet: «Es wird Zeit dass sie zurückschlagen, wir haben es nicht anders verdient. Die weiten Wälder sind nicht unser Revier». Die ganzen Reime sind in mittlerem aber fliessendem Tempo mit raffinierten einfachen Beats und zum Schluss einem gestrichenen Kontrabass, welcher die Worte buchstäblich unterstreicht, gehalten. So schafft es Rap einmal mehr zum Nachdenken anzuregen.


Weitere Informationen:
www.chlyklass.ch

JAN 2020  Dieter Kindl, Kassel

Suli Puschban und die Kapelle der guten Hoffnung - Wir stehen auf

Suli Puschban und die Kapelle der guten Hoffnung - Wir stehen auf
Album: Rette mich!!!
New Tone


"Kinder lieben Musik. Und sie lieben Kinderlieder." Vor einem halben Jahr schrieb ich diese Zeilen, anlässlich der Veröffentlichung des Hommage-Albums "Zugabe" an Fredrik Vahle.

Was aber macht ein Kinderlied aus? "Es gefällt Kindern und wird von ihnen gesungen", sagt die Kinderliedermacherin Suli Puschban. Und auch: "Kinderlieder sind kein Kinderspiel!". Womit sie recht hat, denn allzu häufig wird in diesem Genre das Bild einer heilen und zuckersüßen Kinderwelt gezeichnet. Dass das nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt, merken Kinder relativ schnell. Umso erfreulicher ist es, wenn es Menschen gibt, die sich der Realität annehmen und darüber singen.

Die Wahlberlinerin Suli Puschban macht dies schon seit fast 20 Jahren. Die Inspiration für ihre Lieder findet sie bei ihrer Arbeit als Horterzieherin in einer Kreuzberger Grundschule. "Von dort kommt ihre Musik und für dort, also für die Kinder dort, sei ihre Musik", war jüngst in einem Interview mit ihr zu lesen. Ihr geht es darum. Kinder "zu unterstützen engagierte Menschen zu werden, die mit Courage für Vielfalt und eine freie Gesellschaft eintreten." Dafür hat die gebürtige Wienerin 2019 den Musikautorenpreis der GEMA in der Kategorie »Text Kinderlied« erhalten.

Nur einen Song aus ihrem nunmehr vierten Album "Rette mich!!!" zu empfehlen, erwies sich schwieriger als gedacht. Letztendlich habe ich mich für das Lied "Wir stehen auf" entschieden. "Ein Lied, das Mut macht, uns einzumischen, uns einzubringen, um unsere Gesellschaft bunt und schön zu erhalten", wie es auf der Crowdfunding-Seite heißt. Das Lied hat Suli Puschban für die Heinrich- Zille-Grundschule in Kreuzberg anlässlich deren Aufnahme in das Netzwerk »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage« geschrieben. Schüler*innen und das Kollegium der Schule haben auch beim dazugehörigen Musik-Video mitgewirkt.

wir stehen auf wir mischen uns ein
wir stehen auf du bist nicht allein
wir stehen auf und mischen uns ein
ein Ja ist ein Ja ein Nein ist ein Nein
wir stehen auf
der Tropfen höhlt den Stein

heißt es Refrain und zum Schluß:

nur einer ist ein Tropfen auf dem heißen Stein
ein Meer wollen wir sein ...

Suli Puschban und ihrer Band, die Kapelle der guten Hoffnung, gelingt es, Kinder zum Nachdenken anzuregen, sie zu Toleranz, Vielfalt und Anderssein ermutigen. Und Eltern hoffentlich dazu, es ihren Kindern gleichzutun.


Weitere Informationen:
www.sulipuschban.de
www.youtube.com/watch?v=o4rZbJ_WFu0 (Musikvideo)

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