Persönliche Empfehlung Lied

Reihum gibt eine/r der JurorInnen in dieser Rubrik ihre/seine persönliche Empfehlung für ein Lied ab und begründet diese schriftlich.

APR 2020  Dieter Kindl, Kassel

Rafael Nyffenegger - Kartei

Achtzehn Lieder aus eigener Feder hat der in Olten lebende Liedermacher Rafael Nyffenegger auf seinem Debüt-Album „Bösguet“ zusammengetragen. Das Spektrum der Texte reicht von Alltäglichem bis hin zu Skurrilem.

Ein wenig ernster geht es in "Kartei" zu. Was früher als Utopie galt, ist heute schon längst Wirklichkeit. Egal, was wir machen, sagen, wollen, suchen, kaufen - alles landet im Archiv. Dazu braucht es keineswegs Jemand, der dies über uns zusammenträgt. Diesen Job haben längst Algorithmen übernommen, die alles, was wir in der virtuellen Welt unternehmen, registrieren und aus den gewonnenen Daten Entscheidungen für und über uns treffen. Unsere Privatsphäre haben wir schon längst der Wirtschaft vermacht. Rafael Nyffeneggers Wunsch lautet daher:

hoffentlich blybe de wenigschtens
üsi Wünsch u Gedanke no frei
[hoffentlich bleiben zumindest unsere Wünsche und Gedanken noch frei]

Beim Erzählen seiner Geschichten richtet Nyffenegger des öfteren den Blick nach innen und lässt sich von den teilweise abstrusen Gedanken und tiefen Gefühlen inspirieren. Die sind mal witzig, mal sarkastisch, dann wieder ernst und tiefsinnig. Die Beschränkung auf Stimme und Gitarre tut gut und ist keineswegs langweilig. Im Gegenteil! Weniger ist halt manchmal mehr. Für mich ein absolut empfehlenswertes Album.

Weitere Informationen: www.rafaelnyffenegger.ch


MÄRZ 2020  Hans Jacobshagen, Köln

Manfred Maurenbrecher - Jetzt auf einmal geht's

Eine freundliche Vision der Apokalypse: Wenn nicht mehr geht, was Mensch sich wünscht, geht ́s eben doch. Maurenbrecher zeigt uns, wo die Gier uns hinführt. Die Welt ändert sich, das Meer überflutet die Länder, die Polkappen schmelzen. Es gibt keine Autos mehr und keine Billigflüge. Mobilität schwindet. Der Mensch wird sich darauf einrichten. Die Vernunft setzt sich durch. Maurenbrecher beschreitet einen schmalen Grad zwischen Ironie und Realitätsbeschreibung. Was er sagt ist denkbar aber doch unglaublich. Kann das wirklich so kommen?

Das Album, auf dem dieses Lied veröffentlicht ist, heiß „Inneres Ausland“. Und so führen die Gedanken, die der Dichter entworfen hat, dazu, dass ich mir sagen muss: Ja das könnte so kommen. Aber will ich das wirklich so? Oder ist es nicht besser, jetzt dagegen zu steuern. Kann ich das? Die Klimaleugner gibt es in Maurenbrechers Vision von der Zukunft immer noch: Sie sitzen in geschlossenen Räumen und sind virtuell vernetzt mit ihren Lebensträumen, gehen dort auf Kreuzfahrt, Raserei im SUV und Großwildsafari. Die Unbelehrbaren bleiben unbelehrbar. Und obwohl so vieles für den Menschen fragwürdig wird in dieser Zukunft, singen die Heimatchöre „Gott erhalt ́s“.

Das großartige an diesem Lied ist, das es wachrüttelt ohne dass der Zeigefinger erhoben wird. Man kann, nein muss über jede Zeile nachdenken. Das Ende ist offen.

Maurenbrecher zeigt Dir den Weg nach Deinem eigenen Innen. Wenn Du angekommen bist, denke nach, ob Du an dieses Ziel willst oder findest Du eine Abzweigung? Entscheiden musst Du selbst.

Weitere Informationen: maurenbrecher.com

FEB 2020  Fredi Hallauer, Bern

Chlyklass – Nid üses Revier

Das Berner Rapper Kollektiv hat sich wieder einmal zusammen getan um ein neues Album gemeinsam aufzunehmen. Es ist dies das dritte Mal in 20 Jahren. Sonst haben und hatten die Musiker ihre eignen Combos und Projekte und sind auch Solo unterwegs. Chlyklass heisst Kleinklasse und das ist eine Schulform, welche gerade im Kanton Bern bis vor 10 Jahren üblich war für verhaltensauffällige, oder schöner gesagt, verhaltensoriginelle Kinder (heute wünscht man sich diese Form zurück). Da waren jeweils 6 bis 8 SchülerInnen in einer Klasse und soviele Rapper sind auch in der Chlyklass.

Die Texter des Kollektiv erklärten mir vor ein paar Jahren, dass sie die Mundartliedermacher der 70iger Jahre, welche ja auch gesellschaftsrelevant waren, zu ihren Einflüssen zählen. Rapper sind nach ihrer Sicht, die neuen Liedermacher.

Nun zum Lied. «Nid üses Revier» heisst schlicht und einfach: «Nicht unser Revier». Das Lied fällt durch eine Thematik auf, welche bei Rappern in Mundart oder Deutsch wenig angesprochen wird, in der heutigen Zeit und Situation aber durchaus wichtig ist. Es ist die Tierhaltung, hier am Beispiel der Hunde, aber natürlich auch die Rückkehr der Wölfe, welche für einige Schweizer ein Problem zu sein scheint, sonst würde sie man nicht abschiessen wollen oder es sogar tun. Das Lied beginnt mit einem Vortext , welcher übersetzt so lautet: «Der Mensch ist dem Menschen sein eigener Wolf; der Wolf ist am nächsten Verwandt mit dem Hund, also ist der Hunde dem Wolf sein eigener Mensch». Schon dieser Satz ist stark und zeigt die Qualität, dieser Raplyrik. Es wird darin erzählt vom Hundehalten mit Liebe zum Tier und es dann freilassen mit Tränen in den Augen und hoffen er kommt zurück, aber auch von Tierquälern wo die Hunde ausreissen. Der Refrain zeigt, dass die Hunde hier nur ein  Beispiel sind für Natur und unser kranker Umgang damit, denn er lautet: «Es wird Zeit dass sie zurückschlagen, wir haben es nicht anders verdient. Die weiten Wälder sind nicht unser Revier». Die ganzen Reime sind in mittlerem aber fliessendem Tempo mit raffinierten einfachen Beats und zum Schluss einem gestrichenen Kontrabass, welcher die Worte buchstäblich unterstreicht, gehalten. So schafft es Rap einmal mehr zum Nachdenken anzuregen.


Weitere Informationen:
www.chlyklass.ch

JAN 2020  Dieter Kindl, Kassel

Suli Puschban und die Kapelle der guten Hoffnung - Wir stehen auf

Suli Puschban und die Kapelle der guten Hoffnung - Wir stehen auf
Album: Rette mich!!!
New Tone


"Kinder lieben Musik. Und sie lieben Kinderlieder." Vor einem halben Jahr schrieb ich diese Zeilen, anlässlich der Veröffentlichung des Hommage-Albums "Zugabe" an Fredrik Vahle.

Was aber macht ein Kinderlied aus? "Es gefällt Kindern und wird von ihnen gesungen", sagt die Kinderliedermacherin Suli Puschban. Und auch: "Kinderlieder sind kein Kinderspiel!". Womit sie recht hat, denn allzu häufig wird in diesem Genre das Bild einer heilen und zuckersüßen Kinderwelt gezeichnet. Dass das nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt, merken Kinder relativ schnell. Umso erfreulicher ist es, wenn es Menschen gibt, die sich der Realität annehmen und darüber singen.

Die Wahlberlinerin Suli Puschban macht dies schon seit fast 20 Jahren. Die Inspiration für ihre Lieder findet sie bei ihrer Arbeit als Horterzieherin in einer Kreuzberger Grundschule. "Von dort kommt ihre Musik und für dort, also für die Kinder dort, sei ihre Musik", war jüngst in einem Interview mit ihr zu lesen. Ihr geht es darum. Kinder "zu unterstützen engagierte Menschen zu werden, die mit Courage für Vielfalt und eine freie Gesellschaft eintreten." Dafür hat die gebürtige Wienerin 2019 den Musikautorenpreis der GEMA in der Kategorie »Text Kinderlied« erhalten.

Nur einen Song aus ihrem nunmehr vierten Album "Rette mich!!!" zu empfehlen, erwies sich schwieriger als gedacht. Letztendlich habe ich mich für das Lied "Wir stehen auf" entschieden. "Ein Lied, das Mut macht, uns einzumischen, uns einzubringen, um unsere Gesellschaft bunt und schön zu erhalten", wie es auf der Crowdfunding-Seite heißt. Das Lied hat Suli Puschban für die Heinrich- Zille-Grundschule in Kreuzberg anlässlich deren Aufnahme in das Netzwerk »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage« geschrieben. Schüler*innen und das Kollegium der Schule haben auch beim dazugehörigen Musik-Video mitgewirkt.

wir stehen auf wir mischen uns ein
wir stehen auf du bist nicht allein
wir stehen auf und mischen uns ein
ein Ja ist ein Ja ein Nein ist ein Nein
wir stehen auf
der Tropfen höhlt den Stein

heißt es Refrain und zum Schluß:

nur einer ist ein Tropfen auf dem heißen Stein
ein Meer wollen wir sein ...

Suli Puschban und ihrer Band, die Kapelle der guten Hoffnung, gelingt es, Kinder zum Nachdenken anzuregen, sie zu Toleranz, Vielfalt und Anderssein ermutigen. Und Eltern hoffentlich dazu, es ihren Kindern gleichzutun.


Weitere Informationen:
www.sulipuschban.de
www.youtube.com/watch?v=o4rZbJ_WFu0 (Musikvideo)

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