Persönliche Empfehlung Lied

Reihum gibt eine/r der JurorInnen in dieser Rubrik ihre/seine persönliche Empfehlung für ein Lied ab und begründet diese schriftlich.

FEB 2020  Fredi Hallauer, Bern

Chlyklass – Nid üses Revier

Das Berner Rapper Kollektiv hat sich wieder einmal zusammen getan um ein neues Album gemeinsam aufzunehmen. Es ist dies das dritte Mal in 20 Jahren. Sonst haben und hatten die Musiker ihre eignen Combos und Projekte und sind auch Solo unterwegs. Chlyklass heisst Kleinklasse und das ist eine Schulform, welche gerade im Kanton Bern bis vor 10 Jahren üblich war für verhaltensauffällige, oder schöner gesagt, verhaltensoriginelle Kinder (heute wünscht man sich diese Form zurück). Da waren jeweils 6 bis 8 SchülerInnen in einer Klasse und soviele Rapper sind auch in der Chlyklass.

Die Texter des Kollektiv erklärten mir vor ein paar Jahren, dass sie die Mundartliedermacher der 70iger Jahre, welche ja auch gesellschaftsrelevant waren, zu ihren Einflüssen zählen. Rapper sind nach ihrer Sicht, die neuen Liedermacher.

Nun zum Lied. «Nid üses Revier» heisst schlicht und einfach: «Nicht unser Revier». Das Lied fällt durch eine Thematik auf, welche bei Rappern in Mundart oder Deutsch wenig angesprochen wird, in der heutigen Zeit und Situation aber durchaus wichtig ist. Es ist die Tierhaltung, hier am Beispiel der Hunde, aber natürlich auch die Rückkehr der Wölfe, welche für einige Schweizer ein Problem zu sein scheint, sonst würde sie man nicht abschiessen wollen oder es sogar tun. Das Lied beginnt mit einem Vortext , welcher übersetzt so lautet: «Der Mensch ist dem Menschen sein eigener Wolf; der Wolf ist am nächsten Verwandt mit dem Hund, also ist der Hunde dem Wolf sein eigener Mensch». Schon dieser Satz ist stark und zeigt die Qualität, dieser Raplyrik. Es wird darin erzählt vom Hundehalten mit Liebe zum Tier und es dann freilassen mit Tränen in den Augen und hoffen er kommt zurück, aber auch von Tierquälern wo die Hunde ausreissen. Der Refrain zeigt, dass die Hunde hier nur ein  Beispiel sind für Natur und unser kranker Umgang damit, denn er lautet: «Es wird Zeit dass sie zurückschlagen, wir haben es nicht anders verdient. Die weiten Wälder sind nicht unser Revier». Die ganzen Reime sind in mittlerem aber fliessendem Tempo mit raffinierten einfachen Beats und zum Schluss einem gestrichenen Kontrabass, welcher die Worte buchstäblich unterstreicht, gehalten. So schafft es Rap einmal mehr zum Nachdenken anzuregen.


Weitere Informationen:
www.chlyklass.ch

JAN 2020  Dieter Kindl, Kassel

Suli Puschban und die Kapelle der guten Hoffnung - Wir stehen auf

Suli Puschban und die Kapelle der guten Hoffnung - Wir stehen auf
Album: Rette mich!!!
New Tone


"Kinder lieben Musik. Und sie lieben Kinderlieder." Vor einem halben Jahr schrieb ich diese Zeilen, anlässlich der Veröffentlichung des Hommage-Albums "Zugabe" an Fredrik Vahle.

Was aber macht ein Kinderlied aus? "Es gefällt Kindern und wird von ihnen gesungen", sagt die Kinderliedermacherin Suli Puschban. Und auch: "Kinderlieder sind kein Kinderspiel!". Womit sie recht hat, denn allzu häufig wird in diesem Genre das Bild einer heilen und zuckersüßen Kinderwelt gezeichnet. Dass das nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt, merken Kinder relativ schnell. Umso erfreulicher ist es, wenn es Menschen gibt, die sich der Realität annehmen und darüber singen.

Die Wahlberlinerin Suli Puschban macht dies schon seit fast 20 Jahren. Die Inspiration für ihre Lieder findet sie bei ihrer Arbeit als Horterzieherin in einer Kreuzberger Grundschule. "Von dort kommt ihre Musik und für dort, also für die Kinder dort, sei ihre Musik", war jüngst in einem Interview mit ihr zu lesen. Ihr geht es darum. Kinder "zu unterstützen engagierte Menschen zu werden, die mit Courage für Vielfalt und eine freie Gesellschaft eintreten." Dafür hat die gebürtige Wienerin 2019 den Musikautorenpreis der GEMA in der Kategorie »Text Kinderlied« erhalten.

Nur einen Song aus ihrem nunmehr vierten Album "Rette mich!!!" zu empfehlen, erwies sich schwieriger als gedacht. Letztendlich habe ich mich für das Lied "Wir stehen auf" entschieden. "Ein Lied, das Mut macht, uns einzumischen, uns einzubringen, um unsere Gesellschaft bunt und schön zu erhalten", wie es auf der Crowdfunding-Seite heißt. Das Lied hat Suli Puschban für die Heinrich- Zille-Grundschule in Kreuzberg anlässlich deren Aufnahme in das Netzwerk »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage« geschrieben. Schüler*innen und das Kollegium der Schule haben auch beim dazugehörigen Musik-Video mitgewirkt.

wir stehen auf wir mischen uns ein
wir stehen auf du bist nicht allein
wir stehen auf und mischen uns ein
ein Ja ist ein Ja ein Nein ist ein Nein
wir stehen auf
der Tropfen höhlt den Stein

heißt es Refrain und zum Schluß:

nur einer ist ein Tropfen auf dem heißen Stein
ein Meer wollen wir sein ...

Suli Puschban und ihrer Band, die Kapelle der guten Hoffnung, gelingt es, Kinder zum Nachdenken anzuregen, sie zu Toleranz, Vielfalt und Anderssein ermutigen. Und Eltern hoffentlich dazu, es ihren Kindern gleichzutun.


Weitere Informationen:
www.sulipuschban.de
www.youtube.com/watch?v=o4rZbJ_WFu0 (Musikvideo)

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