Persönliche Empfehlung Album

Reihum gibt eine/r der JurorInnen in dieser Rubrik ihre/seine persönliche Empfehlung für ein Album ab und begründet diese schriftlich.

JUNI 2022  Die Jury

Diesen Monat leider keine Empfehlung Album!

MAI 2022  Richy Uwe Thorstensen, Halle

Alexander Sandy Wolfrum - Diese Sucht heißt Leben

Knapp über 40 Jahre ist er nun schon mit seiner Gitarre unterwegs – der Sandy Wolfrum aus Bayreuth und kann sicherlich einiges über seine vielen Konzerte berichten.
Die am 28.12.2021 erschienene CD "Diese Sucht heißt Leben" bietet einen kleinen wohlgeformten Überblick über Sandy’s künstlerisches Schaffen – 40 Jahre: Noch immer unterwegs.

Kenner des Künstlers werden einige Stücke wiederentdecken. Auf der CD sind auch neue Live-Mitschnitte und ebenso neue Songs, wie "Labyrinth" oder "Hymne 20/21" zu hören.
Sandy ist aber nicht nur allein aufgetreten, sondern war ebenso mit der Band Feelsaitig auf Tour oder bestritt gemeinsam mit anderen Künstlern Konzerte. Zu seinem Schaffen zählt auch die Beteiligung an musikalischen Projekten. Aus einem solchen ging beispielsweise die 2006 erschienene CD "Donaumusik" hervor.

So geht es mit dem Album eingangs dann gleich rockig mit dem Song "Nach all den Jahren" los.
Wer Sandy Wolfrum einmal live erlebt hat, weiß, dass es Spaß macht, ihm zuzuhören. So kann man beispielsweise bei "Napoleons Frühstücksei" ebenso wie bei dem Song "Bayreuth, Bayreuth" oder "Ma muss ned immer irgenwos song" ins Schmunzeln geraten, um nur einige der auf der CD zu hörenden Stücke herauszugreifen. Und Liebhaber der fränkischen Mundart kommen natürlich voll auf ihre Kosten.

Interessant ist dieses Jubiläumsalbum auch deshalb, weil Sandy in Bezug auf sein künstlerisches Schaffen zwischen den einzelnen Stücken hin und wieder durch eingestreute Ausschnitte aus Radiosendungen und Interviews selbst zu Wort kommt.
Rund herum ist das Album aus Sicht des Verfassers eine gelungene Hommage an sein musikalisches Wirken und daher sehr empfehlenswert. Vielleicht regt es den einen oder anderen Zuhörer, dem Sandy Wolfrum und seine Musik bisher verborgen blieb, dazu an, sich das Schaffen des Künstlers einmal etwas näher anzusehen.

Weitere Informationen unter INTRATON Musikverlag www.intraton.de und www.sandywolfrum.de

APR 2022  Petra Schwarz, Berlin

Herr Horst - SEE YOU SPÄTER!

"Herr Horst" ist eine Band. Klingt komisch. Ist aber so. "Herr Horst": Das sind vier Musiker aus Berlin, Potsdam und Dresden, die in der jetzigen Besetzung kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie – auch live – so richtig durchstarten wollten. Warum das in den letzten gut zwei Jahren nicht wirklich ging, dürfte klar sein…

Ja, dann eben jetzt! Denn seit Anfang März 2022 gibt es mit dem dritten Album "SEE YOU SPÄTER!" den nächsten Versuch von – und hier in Persona – Herr Horst (Gitarren, Gesang, Texte, Kompositionen), Moritz Peter Gläser (Bass, Produktion), Jürgen Schötz (Drums) und Andreas Krug (Tasten).

"Wir machen fröhlich-ernste, skurrile Musik" schreibt Herr Horst. Und der Slogan allgemein lautet: "Musikalisches Latein für alle." Ich denke, schon nach diesen wenigen Anmerkungen ist klar: Herr Horst, der Protagonist, dem "alle Texte und Töne" beim – wie er betont – Laufen einfallen, ist Jemand, der gern und viel mit Worten spielt. Ein Wort-Akrobat, wie ich ihn immer nenne. Und zwar einer, der sich so "mit vielen spielerischen Bezügen in die Abgründe der Kulturgeschichte und des Lebens" begibt. Von Hause aus ist er übrigens Ingenieur …
"Lyrische Wortgewalten, eingepackt in ein punkig-rockiges Skagewand. Herr Horst segelt jenseits des Zeitgeistes in den spöttischen Sprachuniversen." steht auf der website. Und Herr Horst, der zwar in Leipzig geboren, aber "mit 0 nach Berlin verschleppt wurde", sagt in lupenreinem Berliner Tonfall: "Ick bin schon immer Lyriker und schon immer Musiker". Herr Horst kann – außer beim Singen – gar nicht nicht "berlinern", glaube ich.

Auf "SEE YOU SPÄTER!" finden sich zehn Songs, die – bei genauerem Hinhören – musikalisch wohltuend differenziert daherkommen: Mal geht’s heftig zur Sache, aber auch leise Töne fehlen nicht. Der Ohrwurm "Kaugummi kaun in Downtown" steht am Anfang. In den beiden folgenden Songs: "Gewese" und "Mach dich schön" geht&squot;s um das Leben in totalitären Systemen und "ein paar Vorschläge, wie man damit vielleicht trotzdem umgehen kann". Die erste Auskopplung des neuen Albums heißt "Viren": ein in der Corona-Pandemie entstandener Song, mag man meinen. Ist aber nicht so. Denn der Text ist viel älter und "ein Gleichnis auf alles Schlechte in der Welt". Da scheint "Sodom und Gomorrha" folgerichtig. "Irren im Wirren" – so Herr Horst – "ist vielleicht Fontane 2.0"? Und "Mephisto" ein Klagelied von Faust in Richtung Mephisto. Während "Was kostet die Welt" wiederum – wie Herr Horst sagt – "eine Replik des Teufels an Mephisto ist". "Gute Laune unterm Schuh" scheint Herrn Horsts Grundhaltung im Leben zu beschreiben und "Mehr davon" ist zu guter Letzt "irgendwie typisch Herr Horst: messerscharfe Analyse und dann einige nützliche Handlungsempfehlungen".
Alles klar? Bitte unbedingt Zeit nehmen für mehrfaches Hören im Stream. Herr Horst empfiehlt: 7 x …

Weitere Infos auf http://www.herrhorst.de/ und im Podcast: https://lebendig-reden.de/petra-schwarz-im-gespraech-mit-herr-horst

MÄRZ 2022  Michael Lohse, Köln

St. Kleinkrieg - Die Sonne scheint für alle

Ich gestehe: Er war ein Held meiner Jugend, wie wohl für die meisten, die Anfang der 80er Jahre in der Pubertät waren: Völlig durchgeschwitzt grölte ich in der Kieler Ostseehalle mit bei "Hurra, hurra, die Schule brennt" oder "Flieger, grüß mir die Sonne", aufgepeitscht von den markigen Gitarrenriffs von Stefan Kleinkrieg. Aber dann endete der Boom deutschsprachiger Rockmusik ebenso plötzlich, wie er gekommen war. "Extrabreit" verschwanden zwar nicht in der Versenkung, aber doch von den Titelseiten. Doch auch ohne goldene Schallplatten machte Stefan Kleinkrieg weiter Musik – und was für welche. Ob mit seiner Band Extrabreit, die er 1978 gründete und die es Ende 2020 mit "Auf Ex" sogar wieder in die Charts schafften, oder als Solist wie auf seinem neuen Album: "Die Sonne scheint für alle". Ein nostalgisches Alterswerk, auf dem der 66jährige alle Register seines Könnens zieht und bei dem die Sonne der Inspiration in der Tat kräftig durchs Fenster des Hagener Plattenstudios geschienen hat, denn so hat man dieses Urvieh des Deutschrock noch nicht gehört: Zusammen mit seiner exzellenten jungen Band erfindet er sich musikalisch neu und bleibt doch ganz bei sich. "Ich tu nie wieder, als sei ich jung" singt er in Nie wieder jung – und klingt doch an keiner Stelle wie ein alter Mann. Da erzählt einer aus seinem Leben, der alle Höhen und Tiefen des Showgeschäfts erfahren hat und sich nichts mehr beweisen muss. Statt krachendem Rock `n` Roll überwiegen eher die leisen Töne: atmosphärisch dichte Balladen mit Akustikgitarre und Blues Harp. Von der Orgel bis zum Kontrabass reicht das Instrumentarium. Was nicht heißt, dass die E-Gitarre Hausverbot hätte. Doch die Klammer dieses beeindruckenden stilistischen Spektrums bildet zweifellos Kleinkriegs markante Stimme, bei der man Leonard Cohen zitieren möchte: "I was born with the gift of a golden voice". Sein von langjährigem Zigarettenkonsum geadeltes Bass-Timbre entfaltet einen magischen Sog, der einen durch die 15 kompakten, meist autobiographisch gefärbten Songs dieses Albums zieht. Nicht nur die Stimme, auch der lässig-lakonische Tonfall und die abgeklärten Pointen erinnern an Cohen. So ist der Song, der dem Album den Namen gibt, natürlich keinesfalls so kirchentagstauglich wie der Titel vermuten lässt: "Das Leben endet leider tödlich und das Schicksal ist ein Schwein. Die Sonne scheint für alle, sogar für dich und für mich. Willkommen in der Falle, der letzte löscht das Licht", heißt es da existentialistisch illusionslos im Refrain. Hätte sonst auch schlecht zum morbiden Coverfoto gepasst, auf dem eine verfallene Hagener Schraubenfabrik zu sehen ist, die von vergangener industrieller Größe zeugt. Auch das Album beschwört Hagens bessere Tage, als die Stadt noch ein Hotspot der deutschen Musikszene war mit Nena, Inga Humpe und den Ramblers.

Der Song Wilhelmsplatz erinnert etwa an die legendäre Kneipe "Bei Rainer" - seinerzeit Schauplatz von Sex, Drugs & Rock `n` Roll made in Hagen: "Alle sind heut Abend wieder da, als wär`s das letzte Mal". Im Opener Billiges Benzin lässt Kleinkrieg den Tournee-Alltag aus den Jahren fernab großer Hallen Revue passieren, als oft nur eine Hand voll Leute zum Konzert kamen, und resümiert: "Das hab ich so gewollt. Das ist mir mehr wert als Gold." Natürlich dürfen auch Liebesgeschichten nicht fehlen in Kleinkriegs musikalischer Lebensrückschau. Ob er in dem höchst witzigen Blues Erika über vertane Chancen sinniert, weil er bei der rothaarigen "Erika von der Antifa" nie landen konnte, oder ob er sich in Alte Liebe sarkastisch von einer gescheiterten Beziehung verabschiedet: "Es wäre schön, wenn es schön gewesen wär." Übrigens eine ganz und gar akustische Nummer, der ein rustikales Posaunensolo extravaganten Charme verleiht! Kleinkrieg gewährt auf dem Album durchaus intime Einsichten in sein Leben und doch hält er immer die Balance, seine Erfahrungen so zu formulieren, dass sie von allgemeinem Interesse sind und den Hörern Raum für eigene Assoziationen bieten. Als geerdeter Typ vom Rand des Ruhrgebiets verliert er sich nicht im Metaphern-Overkill, sondern redet geradeaus und ohne Scheu vor deftigen Formulierungen. "Positiv denken ist gar nicht so schwer, die anderen tun es doch auch – statt einfach Scheiße, sag schöne Scheiße", übt sich der Hagener in ironisch positiver Psychologie. Dabei kann man Kleinkriegs Kunst nicht genug loben, mit einfachen Worten starke Bilder und Stimmungen zu erzeugen. Besonders eindringlich gelingt ihm das in dem Titel Amphetamin, wo der Storyteller mit dunkel raunendem Sprechgesang Hippie-Flair heraufbeschwört: "Die Haare bis zum Arsch und Kiffen wie die Biber". Von Ferne lässt Georg Danzers "Tschick" grüßen. Trotzdem: So was muss man sich erstmal trauen! Der Flow der Erinnerung treibt Kleinkrieg auf eine Zeitreise tief in die eigene Jugend und die glorreichen Tage der frühen 80er Jahre: Die Telefonzelle ist wieder da. Ein Autoscooter weckt Jahrmarkt-Nostalgie. Und auch die einzige Coverversion des Albums, Kralle, stammt aus dieser Zeit: Kleinkrieg hat die Nummer über deutsche Sextouristen in Thailand einst zusammen mit Udo Lindenberg geschrieben für dessen Hit-Album "Odyssee". Jetzt haben die beiden Rollen getauscht: Kleinkrieg singt und Udo grüßt im Outro als Stimme auf dem Anrufbeantworter. So sehr dieser Langzeitüberlebende des Rock `n` Roll hier in seiner Vergangenheit wühlt, so frisch ist der Sound, den er sich auch dank seiner jungen Mitstreiter Christopher Heimer, Josh Huff und Jan Kölpin verpasst. So viel Herzblut und Liebe zum Detail steckt in diesen 15 griffigen Songjuwelen, von denen kaum einer über 4 Minuten dauert, dass man für die Pandemie ausnahmsweise mal dankbar sein muss: Ohne Auftrittsmöglichkeiten hatten die Beteiligten Zeit und Muße, an dem Werk zu feilen. Und das Land NRW half mit Künstlerstipendien bei der Finanzierung.

Weitere Informationen: www.premiumrecords.de und www.facebook.com/stefan.kleinkrieg

JAN 2022  Fredi Hallauer, Bern

Christoph Bürgin - Jäger und Sammler

Christoph Bürgin ist 65 und kommt aus Schaffhausen (Schweiz) nahe der Grenze zu Deutschland. Er wurde Lehrer, dann Verlagsbuchhändler, lebte in Bern, New York, Heidelberg, Zürich und wieder Schaffhausen. Er macht seit Jahrzehnten Musik und spielte in den verschiedensten Folk und Folkrock Formationen. Seit einigen Jahren ist er auch als Liedermacher tätig. Er spielt Saiteninstrumente von Gitarren über die Bouzouki bis zum Appenzeller Hackbrett. Christoph Bürgin singt im Dialekt von Schaffhausen.

Was ihn als guten Liedermacher auszeichnet sind einerseits die Themen die er aufgreift und wie er sie aufgreift. An ein paar Lieder soll das erläutert werden. In «Bombs Away» erzählt er von der Bombardierung von Schaffhausen durch die Amerikaner am 1. April 1944. Damals kamen 40 Menschen ums Leben und mehrere hundert wurden teils schwer verletzt. Am 1. April läuten in Schaffhausen deswegen immer noch die Kirchenglocken. Ein Zeitzeuge hat Christoph Bürgin die Geschichte erzählt und er nimmt im Lied die Sicht von George Insley, dem letzten noch lebenden amerikanischen Piloten von der bombardierenden Fliegerstaffel auf. Am Schluss heißt es der Pilot sei zufrieden und froh und erhabe für die Opfer viel gebetet, wenn das nur genug ist.

Ein anderes Beispiel ist «D’Schrift a de Wand». Das Lied erzählt, dass in Genua an einer Wand der Text aus der Bibel (Sprüche 6,30) steht «Verachtet man nicht schon den Dieb, auch wenn er nur stiehlt, um den Bauch zu füllen, weil der Hunger ihn treibt», den Fabrizio De André in seinem Lied «Alla mia ora di libertà» singt. Die Schrift wurde von der Stadt schon oft ausgelöscht und immer wieder steht sie dort. Als letztes Beispiel «Chum mit, mir gönd uf Breme». Da geht es um das Märchen der Bremer Stadtmusikanten, welche vielleicht gar keine Tiere waren, sondern Menschen welche hart arbeiteten und dann entlassen wurden. Sie reisten nach Bremen oder anderen Häfen um nach Amerika zu migrieren. Sie machten Musik um das Geld für die Überfahrt aufzutreiben. Er erzählt von diesen Menschen vom Ende des 19. Jahrhunderts.

Christoph Bürgin hat auch Kurse bei Sago absolviert und singt hier zwei seiner Lieder zu vorgegebenen Themen und zwei Lieder von Carl Michael Bellman in Schaffhauser Mundart. Migration, aber von Italienern in die Schweiz und ältere Menschen sind weitere Themen.

Elf Lieder sind auf dem Album zu hören. Die CD steckt in einem kleinen Büchlein, indem alle Texte sowohl in Mundart wie auch Deutsch abgedruckt sind, plus Erläuterungen in Deutsch. Dazu kommen noch Kurzgeschichten.

Christoph Bürgin singt in einer erzählenden und ruhigen Art und Weise und es macht Freude seinem Gesang und der tollen Folkmusik, bei der viele bekannte Musiker der Schweizer Musikszene mitgewirkt haben, zuzuhören.

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